Vardana

Inspiration für Autoren

 
 

Was entstand bei VARDANA?

 

2013


Ende Oktober war es für einen Aufenthalt in der romantischen Sommervilla zu kalt, der schöne Garten nicht zu nutzen. Daher wurde der Vardana-Schreibkurs in ein kleines Familienhotel am Rand von Montegrotto Terme verlegt. Wir konnten nach des Tages Arbeit die wunderbaren neuen Thermalbade-Anlagen genießen und uns am guten Essen laben. Dort hatten wir auch einen mit zahllosen Teekannen hübsch dekorierten Raum ganz für uns. Jeder der acht Teilnehmer bekam seinen Tisch, man konnte sich aber auch in den Aufenthaltsräumen des Hotels oder im eigenen Zimmer einen Platz zum ruhigen Schreiben suchen.

Zu den Besprechungen kamen wir alle zusammen. Wieder gab es Übungen zum Suchen und Finden von Stoffen für die Geschichten, wieder gab es auch Unterrichts-einheiten zur Theorie der Kurzgeschichte und Texte, die helfen sollten zu erkennen, was Kitsch ist und was nicht. Erzählperspektive, Gebrauch von Tempora, Kürze und Dichte waren weitere Themen. Kurz vorher hatte der Literatur-Nobelpreis für die kanadische Autorin Alice Munro die allgemeine Aufmerksamkeit auf diese schwer zu definierende und zuweilen umstrittene Gattung der short story gelenkt und damit auch unser bescheidenes Vorhaben ein wenig aufgewertet.

Wir begannen am ersten Abend im Speisesaal mit einer einfachen Übung: Jeder sollte sich bis zum Frühstück irgendetwas über einen Gast zusammen fantasieren. Das war schon recht lustig. Die erste Kurzgeschichte über Joseffas Kur nimmt darauf Bezug. Am zweiten Tag nahmen wir Bildkarten zum Anlass, um in leichter Trance neue Ideen zu entwickeln. Das war für die meisten Teilnehmer der kreative Wendepunkt. Diese Methode, die Zugang zum Reichtum des Unterbewussten verschafft, macht Vardana so einzigartig. Bereits am dritten Morgen berichteten die zukünftigen Autoren, dass ihr Stoff sie die ganze Nacht nicht losgelassen hätte, und jeder trug seinen ersten Entwurf vor. Verschiedener hätten die Themen nicht sein können! Von der Kindergeschichte bis zur pikant-erotischen Geschichte war alles dabei - junge Mädchen, einsame arme Männer und eine bösartige alte Frau fanden Gestalt und Ausdruck. Jeder Text wurde dann täglich aufs Neue durchgearbeitet und besprochen.

Natürlich kam die freie Zeit nicht zu kurz; sie wird ja für das Spiel der Fantasie und zur Integration und Erweiterung des bereits zu Papier Gebrachten benötigt. Da es reichlich regnete, mussten wir auf einen sonnigen Tag warten, um den geplanten Ausflug in die lieblichen Euganeischen Hügel zu machen. Die Weinlese war gerade beendet, die Rebstöcke färbten sich rot und golden. Unter anderem besuchten wir das mittelalterliche Städtchen Arquà, in dem der große italienische Humanist und Dichter Francesco Petrarca im 14. Jh. seine letzten Lebensjahre verbracht hat und wo er auch begraben ist. Dort lasen wir eines der berühmten Liebessonette an Madama Laura auf Italienisch und in deutscher Übersetzung. Sein Haus mit wunderschöner Aussicht, sein Lehnstuhl und sein Bücherschrank sind erhalten, doch aus dem Sarkophag hat jemand irgendwann seinen noblen Kopf geraubt – als literarische Reliquie. An dessen Stelle liegt nun der Schädel eines jungen Mädchens.

Zum Abschluss unserer Schreibwoche hielten wir eine feierliche Lesung ab. Jeder frisch gebackene Autor erhielt den verdienten Applaus. Keiner der Anwesenden (vier Schweizer, ein Österreicher und drei Deutsche) hatte je zuvor literarische Prosa verfasst. Daher war die gegenseitige Bewunderung groß, und auch die Selbstachtung gewann ein Quäntchen hinzu. Doch machen Sie sich einen Eindruck von dem, was in einer einzigen Woche mit der Vardana-Methode zustande kommen kann und lesen Sie selbst!



Joseffas Kur


von Linde Hasselmann


Der Bus biegt zum Parkplatz vom Hotel Bellavista ein, endlich. Dieser Pauschalurlaub in einem eleganten italienischen Kurhotel ist eine große Verlockung. Hier will sie sich einmal für billig Geld so richtig verwöhnen lassen.

Mit steifgewordenen Knien stemmt sie sich aus dem abgewetzten Samt ihres Sitzes, nimmt die Hand des Chauffeurs zur Hilfe und steigt aus. Frische Luft. Ein Hoteldiener in weinroter Livree eilt aus dem palastähnlichen Gebäude und lädt ihre Koffer auf den Gepäckwagen. Trinkgeld bekommt keiner.

Joseffa tritt an die Rezeption, wo die Empfangsdame sie mit eingeübtem Lächeln begrüßt. „Herzlich willkommen, Signora. Wir hoffen, Sie werden die Zeit in unserem Haus genießen. Wollen Sie auch Kurbehandlungen buchen? Oder vielleicht etwas Schönes bei unserer Kosmetikerin? Ihr Zimmer liegt im dritten Stock mit Balkon zum Garten hinaus, ganz ruhig. Den Fahrstuhl finden Sie gleich hier links, neben der Bar. Und das Abendessen wird bereits in einer halben Stunde serviert.“

Oben angekommen inspiziert sie als erstes das Bad. Die kleinen Fläschchen mit Shampoo und Körperlotion sowie die Frotteehausschuhe werden gleich ganz unten in ihrer Reisetasche verstaut. Die nimmt sie mit nach Hause, wie immer. Nur die Seife wickelt sie aus, um sich nach der langen Reise die Hände zu waschen. Ein Blick in den Schrankspiegel. Ihre beige Hose mit der farblich passenden Jacke war für die Reise gut genug, aber nicht für dieses feine Haus. Und auch die Bequemschuhe passen nicht in das schicke Ambiente. Besser vielleicht das Blaue mit dem Spitzenkragen überziehen? Der erste Eindruck ist doch entscheidend. Die Perlenkette? Die dunklen Pumps. Ein Hauch Rouge und den nicht ganz so dezenten Lippenstift. Sie feuchtet zwei Fingerspitzen mit Spucke an und fährt über ihre Augenbrauen. Auch der Sitz ihrer graublonden Perücke, die auf Bubikopf geschnitten ist, muss noch einmal überprüft werden. Joseffa ist zufrieden. Sie findet sich fast so attraktiv wie früher.

Am Eingang zum Speisesaal steht der schlanke Maitre - schwarzes Jackett, schwarze Hose, eine Fliege am Hals. Er verbeugt sich, schüttelt ihr die Hand, heißt sie willkommen und fragt nach ihrer Zimmernummer.

Sie betrachtet ihn verwundert. An wen erinnert sie dieser Mann? Er begleitet sie an ihren Platz. Es ist ein kleiner runder Tisch, ganz für sie allein. Joseffa ist erleichtert, hat keine Lust, beim Essen mit wildfremden Menschen reden zu müssen. Sie will ihre Ruhe, möchte sich so richtig erholen.

Der Sommelier reicht ihr die Weinkarte. „Nein, nein, nur stilles Wasser, Zimmertemperatur.“ Kein Bitte, kein Danke.

Der Maitre ist am anderen Ende des Speisesaals beschäftigt. Er empfängt die neuen Gäste. Sie beobachtet ihn, während sie auf das Vorgericht wartet. Und plötzlich weiß sie, was sie gleich im ersten Moment so betroffen gemacht hat: Herbert! Der sieht ja aus wie der Herbert!

Ein ungutes Gefühl steigt in ihr hoch und legt sich schwer auf den Magen. Herbert, dieser schon vergessen geglaubte Mann, nistet sich in ihren Gedanken ein und versetzt sie in eine längst vergangene Zeit.

Der Kellner beugt sich zu ihr hinab: „Gnädige Frau, ein Consommé, Spaghetti al pesto oder etwas von diesem köstlichen Pilz-Risotto? Darf es mit Parmesan sein?“ Joseffa zeigt mit dem Finger auf die klare Brühe.

Ich lebte noch zu Haus, war grade siebzehn geworden und sollte mein Abitur auf der Höheren Mädchenschule machen. Wohlbehütet, jawohl, aber schon längst nicht mehr unschuldig, wie man damals sagte. Junge und auch ältere Männer hatten mich bereits sehr interessiert und nicht nur von weitem interessiert. Je nach Lust und Laune wählte ich aus. Wer mir gefiel, den holte ich mir und tat was ich wollte. Davon ahnten meine Eltern nicht das Geringste.

Lustlos rührt Joseffa in der Suppe herum. „Hat es Ihnen nicht geschmeckt? Darf ich Ihnen etwas anderes bringen?“ Sie antwortet nicht. Diskret neigt sich der Kellner über den Tisch, wechselt das Besteck und den Teller aus, schenkt ihr Wasser nach. Der Maitre läuft immer wieder eilig durch den Speisesaal, er kümmert sich mit herzlicher Höflichkeit um seine Gäste. Sie folgt ihm mit den Augen und hofft, er möge nicht etwa bei ihr aufkreuzen.

„Bringen Sie mir die Weinkarte“ sagt sie schroff, ohne den Kopf zu heben, als jemand ihren Teller abräumt. Vielleicht hilft ein wenig Alkohol, die unangenehmen Gedanken zu verscheuchen, denkt sie bei sich. Vergeblich. Es hilft nicht. Auch das Hauptgericht hat sie kaum angerührt.

Kokettieren, das war meine Lieblingsbeschäftigung, der habe ich mich immer erfolgreich gewidmet. Herbert, Vaters jüngster Bruder, war damals achtunddreißig. Ein recht erfolgreicher Pianist, in der Familie aber als Sonderling verrufen. Ein Künstler, nichts Solides aus der Sicht unserer alteingesessenen Kaufmannsfamilie. Und schüchtern war er, verklemmt und schweigsam. Bekam dunkelrote Ohren, wenn ihn eine Frau auch nur ansprach. Man mokierte sich hinter seinem Rücken, er habe sicher noch nie mit einer Frau geschlafen. Obwohl er nicht unattraktiv war, und gut gebaut war er auch.

Irgendwann kam ich auf die Idee, ihm schöne Augen zu machen, nur so, aus Langeweile. Es machte mir einfach Spaß, ihm feuchte, sehnsüchtige Blicke zuzuwerfen und dann seine Verwirrung zu genießen. Mit meinen siebzehn Jahren wollte ich ihn verrückt machen, so verrückt, dass er mir unmöglich widerstehen konnte.

Allein schon der Gedanke, ihn in mein Bett zu locken, war eine prickelnde Herausforderung. Ich war nicht etwa in ihn verliebt, oh Gott bewahre, nein! So ein scheues Karnickel wie der Herbert war überhaupt nicht mein Typ. Es ging mir nur darum, meine Verführungstricks einzusetzen; mich reizte das Verbotene.

„Wünscht die Signora vielleicht noch ein Dessert? Schokoladensoufflé mit Sahne? Obstsalat? Oder einen Espresso?“

Herbert kam wie jedes Jahr über Weihnachten zu Besuch. An einem Abend zwischen den Feiertagen, meine Eltern waren bei Freunden eingeladen und außer uns beiden niemand im Haus, schien mir der rechte Moment gekommen. Nach dem Essen bat ich ihn mit süß flötender Stimme, uns doch ein Gläschen Whisky einzuschenken, gerade weil die Eltern mir strikt verboten hatten, Alkohol zu trinken. Ein zweites und ein drittes Glas schenkte ich ihm ein, begleitet von verführerischen Blicken und lasziven Gesten. Als ich spürte, dass er endlich ein wenig beschwipst war und lockerer wurde, täuschte ich Müdigkeit vor, tat so, als sei mir leicht übel von dem ungewohnten Getränk und bat ihn, mich nach oben in mein Zimmer zu begleiten.

Der Rest war ein Kinderspiel. Schließlich hatte ich längst genug Erfahrung auf diesem Gebiet. Glückselig lag er nach dem Wesentlichen neben mir. Er wollte in meinen Armen einschlafen, war voller Sehnsucht nach Zärtlichkeit und Nähe. Aber seine gestammelten, verwirrten Gefühlsbekenntnisse lösten in mir einen wilden Lachanfall aus. Was redete er da? Liebe? - „Spinnst du, Herbert?“ rief ich, „mit so einem armseligen Schlappschwanz kann ich doch überhaupt nichts anfangen! Und jetzt verschwinde, ich will schlafen.“

Am folgenden Morgen kam mein Onkel nicht zum Frühstück, schien im Morgengrauen abgereist, ohne ein Wort. Meine Eltern konnten sich zwar keinen Reim auf sein plötzliches Verschwinden machen, aber er war eben ein seltsamer Kauz. Ich atmete auf. Wie es sonst weiter gegangen wäre, hatte ich mir nicht rechtzeitig überlegt. Eine Begegnung bei Tisch wäre sogar mir peinlich gewesen.

Bis Silvester ließ er nichts von sich hören, wünschte uns nicht einmal ein Gutes Neues Jahr. „Na, vielleicht hat er endlich eine Freundin, wird ja auch Zeit“, meinte mein Vater. Weitere Wochen vergingen, ohne dass er sich meldete. Sein augenscheinlich erloschenes Interesse an mir ärgerte mich. Es passte nicht in mein Selbstbild. Ich beschloss mich dafür zu rächen, aber wie? Bald fiel mir die Lösung ein: Ich würde die geschändete Nichte spielen.

Wäre es nicht schlau ihm vorzuwerfen, er habe mich an jenem Abend verführt und vergewaltigt? Dafür müsse er jetzt gradestehen. Schweigegeld, ja Schweigegeld solle er zahlen, sonst würde ich die Geschichte seinem großen Bruder erzählen. Begeistert von meiner Idee schrieb ich ihm einen anklagenden Brief, der keinen Zweifel offen ließ: Wie konnte er sich nur so brutal an seiner kleinen, unschuldigen Nichte vergreifen? Mein Leben, meine Ehre, ja meine ganze Zukunft habe er aufs Spiel gesetzt. Inzest sei schließlich strafbar. Und wenn er mich nun geschwängert hätte? Aber... unter bestimmten Bedingungen sei ich eventuell bereit, meinen Eltern den dramatischen Vorfall zu verschweigen. Er solle sich einfach großzügig erweisen und mir bald ein angemessenes Geschenk machen, zur Wiedergutmachung.

Tage später kam die Nachricht, Onkel Herbert habe sich umgebracht. Kein Abschiedsbrief. Neben dem Gasherd, in einer Schale auf dem Küchentisch, ein Häufchen Asche.

„Herr Ober, bringen Sie mir einen doppelten Grappa!“




Osaka


von Walter Eidenbenz


Die Hoffnung habe ich schon längst aufgegeben. Trotzdem muss ich wieder versuchen, Arbeit zu finden. Seit ich in Kiel, dann in Lübeck und zuletzt in Bremerhaven wegrationalisiert wurde, stehe ich nun hier bei der Arbeitsvermittlung in Hamburg an. „Was können Sie“? - „Nicht mehr Geige spielen“ knurre ich. Die Sachbearbeiterin schaut mich an, halb ärgerlich, halb belustigt und schiebt Papiere unter dem Glas durch.

Das war eine ehrliche Antwort, hatte ich doch bis vor einigen Jahren meinen kargen Lebensunterhalt mit Geige spielen in Spelunken und auf Straßen etwas aufgebessert. Sehnsüchtige Seemannslieder zusammen mit zwei alten Seebären. Auch Klassisches konnte ich, wie zum Beispiel die kleine Nachtmusik von Mozart. Aber nachdem ich bei einem Anlegemanöver des Touristenbootes, wo ich auch manchmal aushalf, die linke Hand eingeklemmt und drei Finger gebrochen hatte, war es aus mit Mozart und Sehnsucht.

Ich nehme die Formulare an mich und ziehe mich in meine Dachkammer im Hafenviertel zurück. Es wird Abend und Nacht. Die Formulare ausfüllen mag ich nicht mehr. Seit Tagen ist es drückend feucht und heiß, wie es im Mai nur selten vorkommt. Der Lärm auf der Gasse von Betrunkenen und das Hundegebell, die Wut, immer wieder um Arbeit betteln zu müssen, lassen mich nicht schlafen.  Hinzu kommt die Aufregung, ob ich hier vielleicht doch Glück habe und eine Arbeit finde. Ich steige die lange Treppe hinunter auf die Straße, gehe durch enge Gassen, scheuche streunende Hunde weg.

Ein plötzlicher Windstoß, wie wenn jemand auf der anderen Seite der Gasse eine Türe geöffnet hätte, weht meine Mütze vom Kopf. Ich drehe mich nicht um, ziehe die Jacke fester an mich. Der Sturm wirbelt Staub und Dreck in mein Gesicht. Meine Augen brennen, ich kann sie kaum noch offen halten.

Kurz darauf öffnet der Himmel alle Schleusen. Regen, vermischt mit Hagel, prasselt auf meinen Kopf. Ich kann mich gegen den Sturm kaum noch auf den Beinen halten, greife im Dunkeln nach einem Geländer und halte mich mit beiden Händen fest. Unter mir das aufgewühlte Wasser in einem seitlichen Hafenbecken. Ich starre in das auf- und niederschwappende dunkle Wasser. Es riecht vertraut nach Motorenöl, Fisch, nassen Tauen, faulendem Holz. 

„Komm, es ist ganz leicht“, flüstert eine Stimme in mir. Die Knie zittern, die Hände verkrampfen sich am Geländer. 

„Lass das“. Eine schwere Hand legt sich auf meine Schulter und zieht mich vom Geländer weg. Er führt mich in eine nahe Kneipe und bestellt einen Grog. „Du brauchst etwas Warmes“. Langsam erwachen meine Lebensgeister wieder. Der Fremde schaut mich nachdenklich an, sagt aber nichts. Ich will bezahlen und suche den Geldbeutel in meiner Westentasche. Dabei rutscht die Postkarte heraus, die ich immer bei mir trage. Bevor ich sie wieder einstecken kann, nimmt mein Gegenüber die zerknitterte

Karte in die Hand. Ich beobachte ihn, wie er sie betrachtet, den Kirschbaum, die Blütenblätter, die durch die Luft wirbeln.

„Ist es ein blühender Baum? Oder ist Winter, sind das Schneeflocken in der Luft und Schnee auf den Ästen? – Und wer ist diese Frau unter dem Baum?“ Er wartet nicht auf eine Antwort, dreht die Karte um, sieht den Poststempel und murmelt: „Osaka - wann war denn das?“

„Ist eine alte Geschichte. Nach Japan ausgewandert. Diese Karte ist die letzte, das ich von ihr bekommen habe.“ In Gedanken versunken schaue ich weg und schweige. Immer noch rinnt Wasser aus meinen Haaren über mein Gesicht, und am Boden bilden sich kleine Lachen von meinen nassen Kleidern.

Nach einer langen Pause gibt der Fremde mir die Karte zurück und sagt: „Kirschbäume gibt es auch nicht weit von hier, im Alten Land. Von Wedel fährt eine Fähre über die Elbe.“ Er schaut mich nochmals an, lächelt, steht auf und verlässt das Lokal. Ein paar Stunden sitze ich noch an meinem Tisch, höre den anderen Gästen zu, die sich Geschichten erzählen und lachen. Trinke noch mehr Grog weil ich friere.

Es ist eine aufwühlende Nacht. Der Regen hört erst gegen Morgen auf. Schließlich mache ich mich auf den Heimweg und finde nach vielen Umwegen die richtige Haustüre.Früh verlasse ich meine düstere Dachkammer und  mache mich auf nach Wedel. Das nächtliche Gewitter hat die feuchte Luft hinweggefegt, die am Vortag so schwer über der Stadt hing. Die Sonne scheint. Es ist Anfang Mai.

An den Landungsbrücken vorbei erreiche ich bald den Uferweg, schaue dem geschäftigen Treiben der ein- und auslaufenden Frachter zu. Fast kommt ein wenig Freude auf, dass ich heute nicht arbeiten kann. Ich stelle mir vor, woher die Schiffe kommen, wohin sie gehen. Die halbe Welt mit ihren Gütern zieht an mir vorüber. Seemann wollte ich nie werden. Das wurde mir schon früh klar. Schon auf kurzen Meerfahrten wurde ich seekrank. Aber den Matrosen hörte ich gerne zu, wenn sie in den Kneipen von ihren Abenteuern aus fremden Ländern erzählten, von den Stürmen auf den Meeren und in ihren Herzen.

In Wedel steht die Fähre bereit zur Abfahrt. Sie bringt mich über den Fluss ins Alte Land. Weiter geht meine Wanderung, durch schmucke Dörfer mit alten Fachwerkhäusern. Freundliche Leute grüßen mich, den fremden Wanderer. Entlang enger Kanäle, über hölzerne Zugbrücken, über Wiesen und Felder führt mein Weg.

Und da sind sie: Alleen und Obstgärten mit blühenden Kirschbäumen. Kirschbäume! Wie Bräute stehen sie da in ihren festlichen Kleidern. Der Boden ist weiß von Blüten, die der nächtliche Sturm von den Bäumen geholt hat. Mein Herz weitet sich. Ich atme die frische Luft tief ein und schaue mich um - überall schneeweiße Kirschbäume und darüber ein unendlicher, blauer Himmel. Ein leichter Wind weht Blüten wie Flocken durch die Luft. Ich ziehe die Schuhe aus und schreite barfuß unter den Kirschbäumen über den weichen Blütenschnee.







Revolte


von Marie-Thérèse de Tscharner


Das neue Haus trotzt über der Stadt am Waldrand. Jeder der vorbei kommt sieht das protzige Portal, geschützt von einem rechten und einem linken Flügel. Wer durch dieses Haus geführt wird kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Großzügig offen. Riesige Fenster, spärliche Wände, keine Heizkörper, heller Marmorboden. Die Einrichtung in Schwarz und Weiß, wie es der Trend will. Neben Küche und Gästetoilette befinden sich Glastüren. Die rechte führt in den Flügel zu den Arbeitszimmern, Schlafräumen, zu Dressingroom und Badesaal der Eltern. Zu einem geräumigen Wohnzimmer, das selten genutzt wird. Im linken Flügel befindet sich das Zimmer der Tochter. Ihr kleines Bad hat zwei Türen. Die eine führt zu ihr, die andere zum Gästezimmer. Eine kleine Einsparung. Neben dem Kinderzimmer befindet sich auch die Verbindungstür zur Garage, die direkt darunter Platz gefunden hat. Der enge Gang zu den Abstellräumen schließt sich an.

Katja sitzt in ihrem weißen Nachthemd auf dem Bettrand. Zerzaust sind die langen dunklen Haare, ihr Blick leer, die Füße kalt. Vor dem großen Fenster steht eine künstliche Palme im mächtigen Terracotta-Topf. Grässlich! Geschmacklos! hat die Elfjährige zu ihren Eltern gesagt. Die aber gaben ihr zu verstehen, wie pflegeleicht das Kunstgewächs im Sommer sei, auch winterhart, man müsse es nur gelegentlich abspritzen und schon sei es wie neu. Hinzu fügte die Mutter: Diese Palme hat doch Stil, keiner wird bemerken, dass sie aus Plastik ist.  - Die ist wirklich bescheuert, glaubt sie ihre sogenannten Freunde seien blöd! denkt Katja. Oder sind sie’s wirklich? Also, wenn schon einen Baum, dann einen echten - sicher nicht einen idiotischen Plastiksoldaten, der Wache hält vor ihrem Fenster.

Ihr wird heiß. Mit einem Ruck schießt sie hoch, nimmt ihr Kopfkissen und schmeißt es gegen das Fenster. Das tut gut. Ein Griff nach ihren Schuhen und schon wirbeln auch sie durch das Zimmer. Katja schreit. Das lass ich mir nicht mehr gefallen! Jetzt ist schon Sonntagmittag und die Alten liegen immer noch in ihren Federn! Die ganze Woche bin ich allein. Was glauben die? Bin ich etwa aus Plastik? Ihr Gameboy wirbelt kraftvoll gegen die Wand und zerspringt. Soll dieser Kasten doch kaputt gehen! Jetzt kommt sie so richtig im Schwung. Ihr Wutpegel reicht bis Skala zehn. Darum reißt sie sogar ihre Idolbilder und Zeichnungen von den Wänden. Alles liegt im Zimmer verstreut. Da läutet das Telefon, weit weg. Vielleicht wachen sie jetzt endlich auf? Doch nichts rührt sich. Katja fällt auf ihr Bett wie ein Stein ins Wasser. Die Tränen fließen. Sie lässt ihrem Schluchzen freien Lauf. Plötzlich ringt das Mädchen nach Luft, eine Art Asthma-Anfall. Verängstigt rennt Katja zum Fenster, reißt es auf und atmet tief. Die Lungen entspannen sich, sie füllen sich und da kann sie mit kräftiger Stimme in den Garten rufen: Hört mich denn keiner, seit ihr denn alle aus Plastik? Schaut dabei giftig auf die Palme. Stille im Haus, Stille draußen.

Sie dreht sich um, läuft wieder durch ihr Zimmer, wirft alles, was ihr in die Finger kommt, auf den Fussboden. Verzweifelt setzt sie sich an ihr Klavier und hämmert los wie eine Irre. Die Töne fliehen durch das offene Fenster hinaus in die leere Landschaft. Im Haus rührt sich nichts. Unterdessen ist Nachmittag.

Ihr Tastensturm wird leiser, sie steht auf. Der Klavierstuhl fällt um. Mit verächtlichem Blick steht sie da, sieht sich erschrocken und zufrieden die Unordnung an, lächelt plötzlich und denkt: Meine Alten werden schon sehen wozu ich fähig bin. Die Kälte ist von den Füßen durch ihren ganzen Körper gewandert. Das Mädchen sucht in dem Drunter und Drüber nach ihren Kleidern. Sie findet ihre Schuhe, schlüpft hinein. Es ist ihr klar, für ihren Plan sind diese Ballerinas nicht geeignet. Ach, was soll’s, ist doch total unwichtig. Nur noch ein Gedanken schwimmt in ihrem Kopf - weg, weg von hier. Jetzt will sie ihre Eltern auf keinen Fall mehr stören, wählt den Weg durch die offene Fenstertür. Bei der Palme sagt sie noch: Tschüss, du blöder Aff, du kotzt mich an, du Scheusal! Spuckt dabei die reglose Palme an. Mit fest entschlossenem Schritt verlässt sie das Grundstück.

Da steht sie nun vor den Wegverzweigungen. Katja muss entscheiden, wohin ihre Flucht sie führen soll. Den Schulweg durch die Stadt nehmen? Sicher nicht. Zum Bauernhaus? Die Bäuerin könnte sie ja sehen. Unangenehme Fragen stellen wie „Hast du geweint, Kleine, was ist denn los?“ - Nein, nein kommt nicht in Frage, murmelt sie. Sie schaut sich um. Da! Hinter ihrem Haus ist ein kleiner Graspfad. Den hat sie vorher noch nie gesehen, sie wohnt ja noch nicht lange dort. Sie freut sich über diese Entdeckung. Kaum hat sie den Weg betreten, dringt die Feuchtigkeit durch die Sohlen ihrer zarten Ballerinas. Sie zuckt mit den Schultern, absolute Gleichgültigkeit. Rechts und links vom Weg erhebt sich ein Steilhang.  Die Sonnenstrahlen können den Weg nicht ausleuchten und niemand kann sie entdecken. Katja zieht ihre Schuhe aus, wirft sie über die Böschung und sagt: Dein Schätzchen will diese doofen Dinger nicht mehr. Immer suchst du meine Klamotten und Schuhe nach deinem angeblich modernen Geschmack aus. Was dir gefällt soll auch der ganzen Welt gefallen. Als ich die hohen Stiefel cool fand, warst du bloß entsetzt. 

Das Gras fühlt sich nass, weich und sanft an. Schlurfend und schleifend setzt sie einen Fuß vor den andern, mit sinnlichem Genuss. Lange kann diese Fußübung aber nicht durchgeführt werden. Die Waden fangen an zu brennen, es wird richtig anstrengend. Eigentlich will sie nicht im Schneckentempo durch die Gegend schleichen, deshalb wird ihr Schritt bewusst schneller, als sei jemand hinter ihr her. Der neu entdeckte Weg führt auf eine kleine Anhöhe. Oben angekommen setzt sie sich aufs Moos, freut sich an dem weiten Blick über die offene Landschaft. Noch nie sind ihre Eltern auf den Gedanken kommen mit ihr durch die Natur zu wandern. Sie gehen lieber in ein Wellness- Hotel, wo sie nicht einmal mit in die Sauna darf.

Der Vater ist ein stummer Bock. Er starrt am liebsten aufs Display seines Mac oder versteckt sich hinter Zeitungen. Stellt sie ihm mal eine Frage, egal was, antwortet er mechanisch: Jaja, Schätzchen. Einmal aber hat sie ihn um Geld gebeten. Uber die Brille hinweg hat er sie mit fragendem Blick betrachtet. Ungeduldig hat sie ihre Hand ausgestreckt und gesagt: Und...! Da hat er tatsächlich in die Tasche gegriffen und ihr einen Fünfziger hingehalten. In ihrem Kopf haben alle Glocken geläutet, und von nun an muss sie nur warten auf die richtige Gelegenheit, um beim Alten Geld locker zu machen. Ein schlechtes Leben habe ich sicher nicht, dachte sie damals und denkt sie auch heute. Freigebig oder gleichgültig ist mein Vater! Na, wenigstens stört er mich nicht.

Früher hatte sie in der Schule kaum Freunde, jetzt aber kann sie die Wünsche ihrer Klassenkameraden erfüllen und wird wegen ihrer Großzügigkeit geschätzt.

Beim Gedanken an die Schule erfasst sie trotzdem eine lähmende Trauer, denn sie muss sogleich an ihr Kindermädchen aus Portugal denken. Ja, sagt sie leise, als Anna noch da war, freute ich mich nach der Schule auf zu Hause. Schulfreundschaften brauchte ich nicht, Anna war meine Freundin. Die hat mit mir geredet, hat immer Geschichten erzählt, die spannend waren. Wir konnten so viel lachen! Manchmal, wenn wir allein waren, haben wir eine CD aufgelegt und sind durch das ganze Haus getanzt. Und Anna nahm mich oft in Arm und küsste mich auf beide Wangen. Sie war meine Freundin, ihr konnte ich alles anvertrauen. Anna war eigentlich für alles zuständig im Haus. Da kam es vor, dass sie mit mir auf dem Bett saß und von ihrer Heimat erzählte, statt im Haushalt zu arbeiten oder wir plauderten einfach. Daher kam Anna mit ihrer Arbeit manchmal unter Druck und erfüllte die Ansprüche meiner Eltern nicht. Ihre Schwäche war, dass sie oft Sachen dahin gelegt hat, wo sie nicht hingehören. Mutter war in solchen Momenten außer sich, fauchte die arme Anna an wie ein Drache. Dann hatte ich große Angst, dass Anna einfach kündigen könnte. Doch sie blieb trotzdem, meinetwegen, da war ich mir ganz sicher.

Vater verschwand eines Tages wie üblich, wenn er von der Uni nach Hause kam, in seinem Arbeitszimmer. Gleich darauf stürmte er wie ein Verrückter wieder heraus. Der ewig Stumme kam aus seiner Reserve. Er brüllte wie ein Bulle, die Brille flog ihm von der Nase. Raus! schrie er, raus! Ich will diese Schlampe nicht mehr sehen, diese dumme Gans, dieses einfältige Weib will ich nicht mehr in meinem Haus sehen! - Dabei musste er nach Atem ringen.  - Wisst ihr, was die sich erlaubt hat? Nein, nein das könnt ihr nicht wissen. Die hat meine Zeitungausrisse einfach in den Papierkorb geschmissen! So eine Null, diese Analphabetin! So ging es weiter mit  erniedrigenden, beschuldigenden Worten.

Selten verliert er die Kontrolle, dann aber gründlich - manchmal mit seiner Frau, manchmal auch mit seiner Tochter. Es ist nicht das erste Mal, dass Katja ihren Vater so wütend erlebt hat. Aber bei dieser Gelegenheit konnte er sich anschließend nicht beruhigen, und anschließend war Anna weg, einfach weg, ohne Abschied. Gelassen und ungerührt steht die Mutter mitten in dieser fürchterlichen Szene. Sie sagt nur, die Kleine ist ja alt genug. Ein Kindermädchen ist nicht mehr nötig, ich hätte sowieso lieber eine richtige Putzfrau und die Wäsche gebe ich ab jetzt nach auswärts. Typisch Mutter. Sie kann sich nicht vorstellen was Anna für sie bedeutet. Das ist zu viel verlangt. Wichtig ist nur sie selbst! Ihr Aussehen, Golf, Partys  und nicht zu vergessen ihr Geschäft. Im Haus muss alles an seinem Platz sein, sonst schreit sie: Prinzessin, warum lässt du immer alles herumliegen? und macht ihr ein schlechtes Gewissen, als sei Katja ein böser Mensch.

Katja lässt sich von der späten Sonne wärmen und fragt sich, warum die Studenten ihres Vaters eigentlich so viel wichtiger sind und nicht sie ihres Vaters Liebling ist. Wohl sagt er manchmal Liebling zu mir, doch es klingt als sei ich irgendein Gegenstand. Meistens nennt er mich Mäuschen, Kätzchen, Schätzchen oder Prinzessin. Wer bin ich, hab ich denn überhaupt einen eigenen Namen - oder hat er den vergessen? Dieser Hochstapler, dieser Snob, dieser intellektuelle Dickkopf ist nicht fähig mich, seine Tochter, bei ihrem Namen zu nennen. Katia spuckt ins Gras. Du alter Esel, ich heiße Katja! Demnächst hänge ich mir ein Schild um den Hals, falls du es vergessen hast! - Gut, dem hab ich es jetzt aber gegeben, fügt sie hinzu, befriedigt.

Das Brummen und Hadern im Kopf hat die Zeit verschlungen, ihr ist kalt geworden, die Sonne ist am Untergehen. Aufstehen und rennen, das macht warm, sagt sie sich. Ohne zu zögern rennt sie in Richtung Wald. Der Graspfad wird zu einem Waldweg, ihr Schritt verlangsamt sich. Sie atmet tief, riecht einen herrlichen Duft nach Holz und Erde. Der Weg führt durch eine Allee von Laubbäumen und mächtigen Tannen. Es ist wie in den Märchen, die sie so gerne liest, nur hat die Gretel keinen Hänsel bei sich, der sie tröstet auf ihrem Weg ins  Ungewisse. Das Mädchen hat alles Zeitgefühl verloren, eine unerwartete Waldlichtung bringt es wieder zu sich. Die Sonne ist hinter den Bäumen verschwunden, Dämmerung breitet sich aus und kündigt die Nacht an.

Müde legt Katja sich ins Gras, alles ist still, kein Vogelgezwitscher mehr, kein Rauschen der Bäume, einfach Ruhe. Eine Weile liegt sie so da. Aber eine Angst kommt in ihr auf, sie denkt an ihr Zuhause, an das warme Bett, sogar an ihre Eltern. Wann werden sie es merken? Was soll aus ihr werden? Wird sie jetzt erfrieren, ganz allein im Wald? Tränen laufen über ihre Wangen, sie fängt an zu zittern und rollt sich zu einem Knäuel, wie es die Hunde tun, wenn sie schlafen wollen. Katja spürt jetzt ein wenig von ihrer eigenen Wärme und fragt sich immer wieder: Wer bin ich? Bin ich überhaupt jemand, oder nur zufällig ein Mädchen bei Leuten, die mich für ein Möbelstück halten? Oder lieben mich meine Eltern vielleicht doch und ich verstehe sie nur nicht? Es muss ja so sein, es ist schließlich ihre Pflicht, ganz sicher, ich verstehe es nur nicht.

Und auf einmal keimt in ihr die Sehnsucht auf. Katja sieht jetzt hoch zum Sternenhimmel und sagt sich: Irgend wo wacht mein eigener Stern am Himmelszelt. Ich bin nicht ganz allein. Erschöpft von der Anstrengung des Tages und von einer kleinen Hoffnung getragen sinkt sie in einen tiefen Schlaf.





Machtspiele


von Markus Seyrling


„Hast du schon gehört, wer am Wochenende unser Gast sein wird?“ Ich schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht warum, aber der Hoteldirektor hat angeordnet, dass die Wahl auf dich gefallen ist, Marie Anne. Du, du sollst ihn massieren. Und bevor ich es vergesse: höchste Diskretion!“

Schon früher hatte ich im Grand Hotel abgestiegene Berühmtheiten behandelt. Da musste mich wohl jemand empfohlen haben. Das schmeichelte mir. „Aus Sicherheitsgründen wird von Freitag bis Sonntag  der ganze Therapiebereich für alle anderen Gäste und Behandlungen ab 17:00 Uhr bis einschließlich 19:00 Uhr gesperrt. Du darfst ihn auch nicht von dir aus ansprechen“, ergänzte sie.

Am Freitag war es dann soweit. Zwei Sicherheitsleute inspizierten alles. Anschließend bezog einer von ihnen  Position unmittelbar vor meinem Massageraum.

Genau wie immer zündete ich drei farbige Teelichter und ein Räucherstäbchen an. Der Duft des Sandelholzes reinigt den Raum von allen möglichen Energien und der Lichtschein der Kerzen schafft Wohlgefühl. 

Es klopfte dreimal an der Tür, die von außen für ihn geöffnet wurde, ohne dass ich dazukam, ihn hereinzubitten. Sein Gesicht war mir aus dem Fernsehen bekannt. Er, größer als ich gedacht hatte, zog seinen Bademantel aus und legte sich mit dem Bauch auf die Massageliege. Weit über sechzig musste er sein, was man ihm nicht jedoch nicht ansah. Offensichtlich trieb er regelmäßig Sport und sein Körper war nahtlos  gebräunt. Diese Bräune konnte nur aus dem Solarium stammen, denn eine Person in seiner Stellung kann es sich nicht leisten, irgendwo nackt in der Sonne zu braten. Sein vorne schon leicht schütteres, wahrscheinlich gefärbtes dunkles Haar war streng nach hinten gekämmt.

Ich war mit seinem Rücken gerade fertig, als er sich unvermittelt umdrehte und auf den Rücken legte. Mit dem Handtuch, das vorher auf seinem Hintern lag, bedeckte ich sein Geschlecht. Er verschränkte beide Hände hinter seinem Kopf und beobachtete mich bei meiner Arbeit.

Erstmals konnte ich seine Augen sehen. Sie waren in der Folge ausnahmslos auf mich gerichtet, was es mir schwer machte, mich auf die Massage zu konzentrieren. Etwas Seltsames breitete sich im Raum aus, etwas, das ich nicht zuordnen konnte. Hitze überkam mich und aus allen meinen Poren trat der Schweiß.

Auf einmal, ich hatte die Zeit aus den Augen verloren,  klopfte es neuerlich an der Tür, dreimal. Er erhob sich, kam dabei meinem Gesicht sehr nahe, legte das Handtuch zur Seite und zog sich seinen Bademantel an. Unsere Blicke trafen sich für einen langen Moment und ich lächelte etwas verlegen. Die Tür wurde ihm geöffnet und er verließ unseren Raum. Ein bewaffneter Sicherheitsmann ging vor ihm und einer hinter ihm. Ich flüchtete geradezu aus dem Grand Hotel und suchte ein Internetcafé auf, gab seinen Namen ein und stellte weit über 2 Millionen Eintragungen fest.

Ich war verstört. Hatte die Begegnung mit diesem fast vierzig Jahre älteren Mann etwas zu bedeuten? Ich bin keine Schönheit, aber doch recht hübsch, sagen meine Freunde. Sie vergessen auch nie meine Augen zu erwähnen, mein Lachen und mein frohes Gemüt. Nur mein etwas zu groß geratener Hintern stört mich. „Er ist aber doch sehr, sehr weiblich“, hat ein ehemaliger Liebhaber mal gesagt.

Nun ja, ich hatte schon einiges erlebt mit meinen Kunden in der Massagekabine, aber noch nie war ich von einem so in den Bann gezogen worden. Die Nacht über konnte ich kaum ein Auge zutun.

Den ganzen nächsten Tag wartete ich nur auf den frühen Abend. Ich kaufte einen Strauß Blumen und stellte ihn in eine Vase hinter die drei Teelichter. Die Prozedur vom Vortag wiederholte sich. Die Sicherheitsbeamten kamen wieder und inspizierten alles. Dann betrat er unseren Raum, zog seinen Bademantel aus und legte sich diesmal sogleich auf den Rücken. Ich tat ein Kissen unter seinen Kopf.

Wieder beobachtete er mich unentwegt bei meiner Arbeit. Seine Augen sogen mich auf wie ein Schwamm. Ich war noch keine zehn Minuten am Massieren, als es dreimal an die Tür klopfte. Der Sicherheitsmann trat ein und reichte meinem Kunden ein Handy. Während des Telefonats gab er mir mit Gesten zu verstehen, dass die Behandlung für heute beendet sei, stand auf, zog sich den Bademantel an, verließ unseren Raum und steuerte mit seinen zwei Sicherheitsleuten wieder auf den Lift zu, der ihn direkt zur Suite im sechsten Stock brachte.

Was läuft hier? Ich stehe doch nicht auf ältere Männer! Und überhaupt kann nicht sein, was nicht sein darf. Was ich die nächsten vierundzwanzig Stunden machte, weiß ich gar nicht mehr. Ich war wie durch den Wind.

Am Sonntag begannen meine Hitzewallungen schon lange vor der Massage. Deshalb wechselte ich noch schnell das Oberteil und benutzte mein Deo. Dann alles wie gehabt. Ich schloss die Tür, nachdem er in den Raum getreten war.

Als ich mich umdrehte, erschrak ich, weil er unmittelbar vor mir stand, ganz nackt. Er erfasste sanft aber bestimmt meinen linken Arm und gab mir mit der anderen Hand ein Zeichen, dass ich mich auf die Massageliege legen solle. Nach kurzer Verwirrung tat ich wie mir befohlen. In mir spürte ich keinerlei Widerstand.

So lag ich nun da, erregt und angespannt. Er streifte mir die weiße Hose von den Beinen, und ohne seine Aufforderung zog ich mein T-Shirt und meinen BH aus. Den Slip behielt ich aber an. Er gab mir zu verstehen, ich solle mich auf den Bauch legen. In fiebriger Erwartung dessen, was kommen würde, gehorchte ich.

Er massierte mir Rücken und  Nacken, ich blieb angespannt. Doch ein Vibrieren breitete sich in meinem ganzen Wesen aus und schwoll an wie eine immer lauter werdende Musik. Auf einmal hielt er inne und bedeutete mir mit einer Geste, ich möge mich umdrehen.

Als ich dann auf dem Rücken lag, streifte er meinen Slip ab und zog mich an den Fußknöcheln zu sich. Sein Kopf verschwand zwischen meinen Schenkeln. Es dauerte nicht lange. Ich schrie auf, als ich kam.

Er richtete sich auf, als ich noch am ganzen Körper zitterte, bedeckte mich mit dem Handtuch, ging zur Tür, drehte sich noch einmal um und lächelte zufrieden. Dann leckte er sich die Lippen ab. Mein Mund war ganz trocken und der Geschmack war schal. Mit einem Schlag war der Zauber der letzten Tage verflogen. 

Noch als ich beim Anziehen war, klopfte es an der Tür. Einer der Sicherheitsleute reichte mir einen handgeschriebenen Zettel mit einer Telefonnummer und sagte: „Paris ist immer eine Reise wert. Sie können anrufen, wenn Sie ihn noch einmal persönlich treffen wollen.“

In den folgenden Tagen stellte sich die innere Unruhe vom letzten Wochenende wieder ein und ich rief die Nummer an. Man teilte mir mit, man würde sich freuen, wenn ich vom 13. bis 15. des nächsten Monats nach Paris käme. Für meine Unterkunft, ein Besuchsprogramm und die Teilnahme an einem offiziellen Empfang würde man sorgen, sagte mir eine freundliche Stimme am anderen Ende der Leitung. Ich hatte trotzdem keine Ahnung, was mich erwarten könnte, aber ich sagte zu.

Nachdem die Fahrkarte erster Klasse für den Nachtzug per Post im Hotel eingetroffen war, brach ich zu meiner großen Reise in die Stadt der Liebe auf. Nach zehnstündiger Fahrt kam ich am „Gare de Lyon“ an, wurde von jenem Sicherheitsmann, den ich schon kannte, abgeholt und ins Grand Hotel du Palais gebracht. Schon eine Stunde später meldete sich eine Reiseführerin, die perfekt deutsch sprach und mir den Eiffelturm, Notre-Dame, Montmartre und den Triumphbogen zeigte. Dann ging es in ein Restaurant.

Am zweiten Abend wurde ich zu einem großen Empfang chauffiert. Mein schwarzes Kleid war mir am Hintern etwas eng, sodass ich nicht wagte, mich zu setzen. Es waren wohl hundert Personen zugegen. Überall Blitzlichter. Jemand nahm mich beim Arm und führte mich zum Fuß einer eleganten Treppe. Ich wurde ihm und seiner Gattin offiziell vorgestellt. „Wir freuen uns, dass Sie unserer Einladung Folge leisten konnten,“ sagte er in tadellosem Deutsch.

Am nächsten Morgen fuhr man mich zum Bahnhof. Auf dem Bahnsteig gab mir der Sicherheitsbeamte noch ein großes Kuvert, das ich öffnete, sobald sich der Zug in Bewegung setzte. Darin steckte ein offizielles Foto. Von mir und dem Präsidenten der Fünften Republik.




Fassungslos


von Jörg Maeder


Schon wieder Sonntag. Ich besuche meine Tochter  Barbara. Wie jeden Sonntag. Sie ist siebenunddreißig und erwartet mich pünktlich um drei in der  Klinik. Heute regnet es. Obwohl es mir seit meiner Pensionierung keineswegs an Zeit fehlt: Sie zu besuchen fällt mir schwer. Was soll’s: Es muss einfach sein!

Das war schon immer so: Als Schulbusfahrer bestand ein Teil meines Lebens aus Regeln und Vorschriften. Verantwortung war oberstes Gebot. Meine Zeiten hatte ich penibel einzuhalten. Für die Schüler gab es kein Pardon. Wer zu spät kam, hatte tatsächlich das Nachsehen. Nicht auszudenken das Chaos, wenn Pläne nicht eingehalten werden.

Trotzdem:  Mit den vorbeiziehenden Landschaften  während meiner Fahrten tauchte ich gedanklich immer wieder ab. Dabei erschuf ich mir  mein  eigenes Heimkino. Mein Bus wurde zur Bühne, die  Schulkinder verwandelten sich in Gnome, Riesen oder Monster. Ich brauchte doch Stoff für den Abend. Ich meinte, es sei für  Barbara.    

Sie verlangte förmlich nach diesen Geschichten. Gute -Nacht - Geschichten! Sie mussten regelmässig und zur gleichen Zeit erzählt werden. Ein Ritual. Ein ungeschriebenes Gesetz. Von diesen abendlichen Geschichten ernährten wir uns. Der vergangene Tag ergab den Takt, meine Fantasie den Klang.

Später wechselten wir uns ab. Ich leitete die Geschichten ein, sie spintisierte einen Faden, ich übernahm den Knäuel, sie setze eine Naht, am Schluss flogen Fetzen und wir verreisten auf dem fliegenden Teppich.

Nur eben: Beim Busfahren, da musste ich saumässig aufpassen. Nur nicht den Boden verlieren! Nicht auszumalen - die möglichen Folgen einer Unachtsamkeit, nur weil ich mir eine Geschichte für die kleine Bärb ausmalte! „Denk an die Konsequenzen! Denk an mögliche Kollisionen. Denk an die Schulkinder! Denk an ihren Schmerz. Herrgott, denk doch, du würdest dein Kind verlieren!“ Immer sah  ich diese wirklichen Gefahren. Auf einen tatsächlichen Unfall wäre ich  vorbereitet gewesen.

Und zuhause? Im Dunkeln waren wir eine verschworene Gemeinschaft. Nur wir zwei. Wie genoss ich sie, diese wiederkehrende nächtliche Zweisamkeit. 

Die Frage bleibt: War ich es, der  diese Reisebegleitung brauchte? Der  vor lauter Teppich den Boden verlor? Wir waren eine Seelengemeinschaft mit verschwommenem Zielort. Um die Fassung zu wahren, verliess ich jeweils ihr Zimmer mit einem Gebet, einem Psalm oder einem Spruch aus der Bibel.

Später, im  Schulalter, waren  meine Geschichten weniger gefragt. Früh lernte Barbara lesen, vertiefte sich in Bücher. Sie schrieb eigene Geschichten. Sie war ein Kind der Natur, fühlte sich als Indianerin, engagierte sich beim WWF, spendete für bedrohte Tierarten. Gerade aus Mitgefühl mit der Tierwelt stellte sie ihre Ernährung um. 

Noch fand ich ihre Haltung konsequent, persönlichkeits-stark. Doch als sie repetitiv Zusammenhänge predigte, hörte ich langsam weg. Als sie immer hartnäckiger insistierte, weil ich so gar keine Lust verspürte, meinen Speisezettel dem ihren anzupassen, wischte ich meinen Ärger unter den Tisch. Meine Bärb kam halt in die Pubertät.

Mit meinen Geschichten war ich nun plötzlich ziemlich allein. Was blieb, das waren die regelmässigen Tischgebete. Die mussten einfach sein.

Sie besuchte schon das Gymnasium. Unvergesslich dieser Tag, an dem sie sich so entsetzlich aufregte. Was war der Auslöser? Ein falsches Wort? Eine missverstandene Geste? Das Thema drehte sich wie fast immer um  drohende, unausweichliche Katastrophen. - „Sag nein, sonst hast du mitgemacht! Es ist Bürgerpflicht aus der Reihe zu tanzen. Der Wandel beginnt gerade bei dir.“ Nichts wirklich Neues.

Doch diese wiederkehrenden Diskussionen hatte ich langsam satt. Wie gewohnt versteckte ich meine Gefühle hinter gütigen Psalmen. „Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören!“

Aber diesmal zitterte sie wie unter Krämpfen, schoss hoch, verbarrikadierte sich in ihrem Zimmer. – Und dann schrie sie. Ausser sich.

Es war in derselben Woche. Wir wollten, etwas krampfhaft, wieder gutmachen. Sie wie ich. Es sollte die gewohnte Wanderung werden, in der vertrauten Natur, im nahe gelegenen Wald. Schon bald belehrte mich Barbara wie gehabt. Sie rezitierte die Rede des Häuptlings Seattle, von der Mutter Erde, dem Bruder Himmel. Jedes summende Insekt ist heilig!

Ich passte mich ihrem Thema an und schwieg. Plötzlich blieb sie stehen. Entgeistert. Schockiert!

„Hast du sie nicht gesehen? Bist du denn blind? Merkst du, wo du hintrittst? Du kannst dich so was nicht in diesen Schmerz einfühlen! Du bist genau wie all die andern! Zum Kotzen!

Dann ging sie in die Knie. Liebevoll und behutsam nahm sie den Brei auf, die Überreste einer von mir achtlos zertrampelten, schleimigen Nacktschnecke, legte den Brei in die Innenfläche der linken Hand. Innerlich wurde sie Eins mit diesem Matsch. Sie wurde zur Schnecke. Sie war Schmerz. Gleichzeitig rettete sie in diesem Augenblick die Welt.

Hatte sie etwas von meinen Kontrollgängen durch den Garten mitbekommen? Sie musste gesehen haben, wie lustvoll ich am selben Morgen mindestens dreissig Schnecken mit meiner Schere zerstückelt hatte. Stand sie da hinter mir, bei meinen schnellen Schnitten? Beobachtete sie das langsame Auseinanderquellen, den grünen, lavaartigen Ausfluss aus dem Innern der Schnecke, dieses eindeutige Resultat der frisch verdauten Salatsetzlinge des Gartens?

Meine Reaktion war vorhersehbar. Erstaunlich war nur, wie schnell ich Zugriff hatte in meine Rezepturenkiste. „Sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles!“

Sie vernichtete mich in dieser Sekunde. Mit einem Blick. Ihre Wut und Verletzung mussten unendlich sein. Dann rannte sie.

Am Abend war sie noch immer nicht zu hause. Spät in der Nacht kam ein Telefonanruf. Endlich.

Kino Bad Eye, hier spricht Stalder. Ihre Barbara ist bei uns im Saal. Ja, die Vorstellung ist längst beendet. Nein, sie will keinesfalls nach Hause. Nein, Sie ist nicht ansprechbar. Sie tut mir wirklich Leid! Können Sie kommen? Und — vielleicht braucht sie einen Arzt.

Der Hausarzt spürte vor allem meine eigene Not, erklärte sich aber sofort bereit, mich zu begleiten. Wie uns Barbara in den Saal eintreten sah, schrie sie ein weiteres Mal. Sie wehrte sich gegen die Spritze. Wir brauchten unsere ganze Kraft.

Als die Ambulanz Barbara abholte, knickte ich ein. „Alles ist mir erlaubt. Aber nicht alles nützt.“ Später schrie sie ein drittes, viertes, fünftes Mal. Eigentlich war da nur noch Schrei.

Unterdessen ist sie meistens stumm. Sie wehrt sich nur noch manchmal gegen die Tabletten. Seit siebzehn Jahren lebt Barbara nun in dieser Klinik, irrt in ihrer schwierigen Welt umher. An diesem verregneten Sonntag treffe ich sie vor einer Wohneinheit, die ihr Zuhause genannt wird. Sie ist beschäftigt. Linkisch versucht sie die Hose, die ihr runtergerutscht ist, zusammenzuhalten. Tropfend und gepresst öffnet sie die Tür. Sie hat noch nicht gemerkt, dass ich ihr folge. Ich sehe, dass sie keine Unterhose trägt. Es beschämt mich.

„Frou Rickli, d’Hose ueche!“ — Die weissgekleidete Pflegerin scheint allen Situationen gewachsen zu sein. Ich warte im Aufenthaltsraum auf meine Tochter. Es dauert nicht lange bis sie kommt. Sie trägt noch immer die nasse Hose. Sie rutscht nicht aber mehr. Ein Bindfaden dient als Gurt. Unter dem linken Arm hat sie ein Buch festgeklemmt. Sie sieht mich an, wird wieder zum Kind. Die Schultern hochgezogen, das Gesicht eine Urlandschaft. Sie sagt es mehr gehaucht, dazu dieser Blick:„Tuesch mir wieder öppis vorläse?“

Der vertraute Faden. - „U du? Was lisisch de du so?“

„Allergattig!--------- Aber eifach nümme d’Bibu. Weisch, mini Bibu het d’Fassig verlore.“

Es dauert eine Weile bis der  Satz bei mir ankommt. Ob sie wohl meint was ich da verstehe? Sie sieht mich an. Wir schmunzeln. Zur gleichen Zeit. Dann lachen wir, herzhaft und unanständig laut. Immer wieder. Gemeinsam.

Heute verpasse ich zum ersten Mal das Abendessen. Fassungslos. Endlich.





Einohr


von Dorothea Eidenbenz


„Mama, darf ich runter?“ Sie lächelt, zieht ihm den Wollpullover über und er stapft zur Türe. Im düsteren Treppenhaus können Benjamins kleine Hände das Geländer schon fassen. Tritt für Tritt geht’s hinab. Es riecht nach altem Holz, altem Gemäuer, alten Geschichten. Benjamin freut sich, wenn er in den Hinterhof darf. Dort gibt es immer etwas zu entdecken. Da ist der besondere Platz für ihn, kein Sandhaufen, sondern Schutt mit kleinen Steinen. Benjamin fühlt sich dort in seinem Reich, auch wenn er keine Spielkameraden hat. Schwester und Bruder sind tagsüber in der Schule.

Die kleinen Steine glitzern in der Sonne. Unvermittelt bleibt er stehen - da ist doch irgendetwas anders als sonst? Er beugt sich nach vorne, staunt und sieht ihn. Ein Teddy sitzt da mit traurigen Augen, an ein Stück Holz gelehnt. Ganz nass ist er vom nächtlichen Regen und - ihm fehlt ein halber Arm und ein Ohr. „Wie kommst du denn an diesen Platz? Kannst du mich überhaupt hören mit nur einem Ohr?“ Der Fünfjährige setzt sich neben den Teddy und bettelt, dass er ihm seine Geschichte erzählen soll. 

„Früher wohnte ich bei einem süßen Mädchen“, sagt der Teddy, „nicht in einem Hinterhof, sondern im großen Haus mitten in einem Obstgarten. Nathalie und ich waren unzertrennlich. Manchmal kletterte sie auf den hohen Nussbaum, auf dem es eine Baumhütte hatte, Dort waren wie alleine und sie erzählte mir Märchen oder sang mir Lieder vor. Wenn im Frühling die Bäume blühten duftete es wunderbar. Im Sommer war der Boden übersät mit Wildblumen, dann reiften die Nüsse und im Spätherbst, wenn die farbigen Blätter wie Sommervögel zu Boden tanzten, konnte man in der Ferne die Schneeberge sehen. Das war das Zeichen, dass bald der Winter kommt.“

Teddy seufzt tief: „Vorgestern musste Nathalie unter dem Baum Nüsse zusammenlesen. Sie setzte mich mit dem Rücken an den Baumstamm und ich sah ihr zu, wie ihre flinken Hände den Korb füllten. Zwischendurch lief sie zu mir und flüsterte mir ins Ohr:„Ich hab dich lieb.“ Die Sonne hatte sich hinter grauen Wolken versteckt. Plötzlich kam der junge Hund Nero angerannt, direkt auf Nathalie zu. Er leckte ihr Gesicht und versuchte zu  spielen. Doch das Mädchen wollte zuerst alle Nüsse auflesen. Da erblickte der Hund mich. In Sekundenschnelle stand er vor mir und fuhr mir mit seiner großen Zunge übers Gesicht. Es kitzelte mich, besonders an den Ohren, und mein Kopf wurde ganz feucht und warm. Es war gar nicht unangenehm. Doch sein Spiel wurde wilder. Er packte mich mit den Zähnen am Ohr und schleuderte mich hin und her. Es tat weh und mir wurde ganz schwindlig.

Nathalie sah das. Laut weinend kam sie mir zu Hilfe. Sie umfasste meinen Körper. Nero ließ nicht los. Mein linkes Ohr wurde zerfetzt, fiel zu Boden und der junge Hund war in seinem Element. Er verbiss sich in meinen Arm, trennte ihn ab und rannte mit davon.

Durch Nathalies Geschrei kam der Vater und sperrte Nero ins Haus. Das Mädchen hielt mich fest in den Armen und ihre Tränen tropften auf mein Gesicht - doch mein Arm und das Ohr - die waren weg. Nathalies Eltern versprachen ihr einen anderen

Teddy. Und so lag am nächsten Abend ein Neuer neben meiner Freundin - in unserem Bett. Als der Vater zum Spätdienst fuhr, hat er mich dann mitgenommen und einfach hier abgesetzt.“

Dicke Tränen kullern aus Teddys braunen Augen. Benjamin umarmt ihn. „Mama wird deine Schulter richten. Und auch mit nur einem Ohr kannst du mich gut hören, stimmt’s? Möchtest du bei mir bleiben, lieber Einohr?“ – „Oh ja“, flüstert Teddy.

In der Wohnung oben, während die Mutter in der Küche die Wunden zunäht, kommt Benjamin aus der Schlafkammer mit dem goldblonden Bären von seiner Schwester an. Dem fehlt zwar kein Ohr, aber sein Kopf ist ganz kahl. Und Benjamin erzählt dem Teddy Einohr:

„Unser Cousin war einmal auf Besuch. Die Eltern hatten ihm seine langen schwarzen  Locken abgeschnitten, weil alle glaubten, er sei ein kleines Mädchen. Bei uns fand er eine alte Schere. Sofort machte er sich an die Arbeit und so verlor unser armer Teddy seine goldenen Haare. Der Cousin versicherte

uns, dass die Haare bald wieder nachwachsen werden, genau wie bei ihm. Er hat ihn ganz, ganz kahl geschoren, zurück blieben nur helle Stoppeln, die nie nachgewachsen sind, bis heute nicht. Aber wir haben ihn trotzdem lieb.“

Damit will er seinen neuen Freund trösten. Von jetzt an hat Benjamin den Teddy Einohr als Spielgefährten und das ist viel besser als der Schutthaufen und die glitzernden Steinchen im Hinterhof.




Etwas ist immer was bleibt


von R.P.


Fünf Tage und all die Nächte, die dazu gehören, sitzt er nun schon dort. Mit ihm. Das weiß ich, denn mein Fenster guckt direkt in den Hof. Ein enger verlassener Ort, feucht und dunkel. Ein Nicht-Ort.

Zuerst sah ich nur ihn. Es war abends, ich kam von der Arbeit, die keine richtige ist und stolperte die U-Bahn-Treppen hinauf. Oben begrüßte mich der nach alten Wänden riechende Windstoß, wie er einem immer entgegenfällt, wenn man von unten wieder nach oben kommt. Jedes Mal versuche ich ihm auszuweichen.

Draußen wurde es immer kühler, jemand sprach mich an, „...nein, ich habe nichts“. Meine Worte bliesen dabei kleine Wolken. Ich überquerte die Ampel, die nur wild blinkte und die anfahrenden Autos schienen ein Spiel daraus zu machen, schnell, sehr schnell, ein kurzer Stopp. Ich selbst wurde immer langsamer.

Ich ging also in einem Tempo, dass mich nichts erwarten ließ, die Straßen entlang, bog in meine ab, fand die Einfahrt und wollte über den Hinterhof in meine Wohnung, die keine richtige ist. Der Hof war dunkel, nur vorbeirollende Lichter warfen ab und an neugierig einen Blick hinein. Da sah ich ihn. Auf einer Tüte sitzend, an der grauen Hauswand angelehnt und scheinbar in dem versunken, was ihn umgab. Und doch passte er nicht dorthin. Warum, das wusste ich nicht genau.

Aber er war etwas, ein Etwas im Nichts,im Nichts ein Jemand. Ein alter Mann, der sonst nicht an Orten wie diesen sitzt. Ich glaube er war sehr alt, jedes vorbeifahrende Auto gab ihm ein Jahr mehr. Sein Gesicht hatte so viele Falten wie ein Tuch, das man ein Leben lang in der Jackentasche getragen und jede Träne, jeden Krümel und jeden Schweißtropfen damit abgewischt und feucht und zerknittert wieder in der Tasche versteckt. So sah sein Gesicht aus, benutzt zum Leben. Ein Auto fuhr vorbei.

Er trug eine schwarze Jacke mit roten Knöpfen und einen grauen Hut, unter dem graue Haare hervorguckten. Eigentlich hatten Hut und Haare dieselbe Farbe. Außerdem hatte er braune Schuhe an, die aussahen, als seien sie bereits einige Treppen hinauf und wieder hinuntergelaufen. Neues Licht rollte vorbei.

Ich war überrascht, erst jetzt sah ich auch den schwarzen Kater, der einer sein musste, so groß wie er war. Er saß vor ihm, als hätte der Mann ihn dort hingemalt. Sie sahen einander an, sie hingen aneinander wie ein gespanntes Seil an kleinen Haken. Ich ging an ihnen vorbei, ich wollte nicht, dass sie mich sahen und hoffte, sie würden mich bemerken. Die beiden würdigten mich keines Blickes. Ich war nicht in ihrem Etwas, ich war im Nichts. So ging ich ins Bett.

Seit diesem Tag bin ich jeden Morgen und jeden Abend an ihnen vorbei gegangen, habe mein Fenster zum Hof öfter als nötig geöffnet und wieder geschlossen. Jeden Tag wollte ich mehr auf ihrem Seil tanzen, wollte es ihnen vor die Nase halten und ein dreieckiges spannen. Doch ich blieb im Nichts. Sie bewegten sich kaum, das Bild schien ein gleiches zu bleiben. Der alte Mann murmelte ab und zu etwas, doch er wandte den Blick nie von dem schwarzen Tier ab. Das saß, lag und schlief die ganze Zeit vor ihm. Sie schienen einander die Schatten zu sein.

Fünf Tage und alle die Nächte, die dazu gehören, sitzen sie nun schon dort. Ich liege nicht richtig zugedeckt in meinem Bett, das Fenster ist offen, ich schließe es, ich öffne es, ich schließe es und möchte weiter an das Bild im Hof denken, aber der Schlaf zieht mich und langsam hat alles eine andere Form.

Dann läutet es. „Wie?“. Es läutet nochmal. „Was?“. Meine Uhr, die nicht ganz richtig geht, zeigt drei Uhr. In der Nacht. Ich schlurfe durch die dunkle Wohnung, finde die Tür und versuche mit meinem müden Mund etwas zu sagen. „Hallo?“ Es klopft. Langsam öffne ich die Tür. Vor mir steht der alte Mann. Der Etwas-Mann in meinem Nichts. Er nimmt seinen Hut ab. „Können Sie auf meinen Kater aufpassen?“ - „Was?“ - „Können Sie auf meinen Kater aufpassen?“ Er zeigt auf eine Kiste am Boden. „Wissen Sie wie spät es ist?“ und denke, das ist doch völlig egal. „Nein.“ - „Es ist drei Uhr in der Nacht“. „Gut. Aber können Sie auf meinen Kater aufpassen? Bitte.“ - „Aber Sie kennen mich doch gar nicht.“ - „Wir sehen uns seit fast einer Woche jeden Tag, ich kenne Sie.“ Ich schlucke. „Wenn Sie mir versprechen gut auf ihn aufzupassen, gebe ich Ihnen meinen Kater.“ - „Aber ich will ihn doch gar nicht!“ und ich merke, dass ich nichts anderes möchte. Er setzt seinen Hut wieder auf. „Ich danke Ihnen. Sie retten Leben.“ Er bückt sich und mir ist als hörte ich seine Knochen knacken. „Mach’s gut.“ Er streichelt fast sanft über die Kiste. Seine Hände sind unglaublich alt. Bevor ich „Halt, warten Sie, ich will ihren Kater nicht!“ schreien, ihn aufhalten oder auch danken kann, ist er schon im Fahrstuhl verschwunden. Ich bin richtig verblüfft.

Ich sehe mir die Kiste genauer an. Sehr groß ist sie nicht, wahrscheinlich passt genau ein Kater hinein. Sie hat einen Deckel und an den Seiten sind Löcher zum Tragen. Oder damit der Kater Luft bekommt. Oder beides. Wie im Wissen, dass sowieso alles nur ein Traum ist, greife ich in die Löcher, hebe die Kiste hoch und trage sie in meine Wohnung. Ich stelle sie auf den Küchentisch und hebe den Deckel. Das Tier, in diesem Augenblick viel zu groß und viel zu schwarz, guckt mich an. Ich mache die Kiste wieder zu. Ich mache sie wieder auf und fühle mich irrsinnig dumm gehofft zu haben, der Kater sei vielleicht weg. Und genauso dumm, gehofft zu haben, er sei noch da. Er sitzt und guckt. Will er ein Seil spannen? Ich stelle die Kiste mit dem schwarzen Tier auf den Boden und lasse es laufen. Dann gehe ich wieder ins Bett.

Als ich aufwache ist es mittlerweile Morgen, das weiß ich, ich mache die Gardinen nämlich nie richtig zu. Ich gehe zum Fenster und sehe hinaus. Diesmal mache ich es nur ein Mal auf und zu. Der Hof ist leer.



Puppentanz


von P.H.G.


Der Tag begann wie jeder andere. Marlene hetzte und hetzte zur Haltestelle, vorbei an angerichteten Schweinsköpfen, Ballen von Meterware und Einlegesohlen. Sie erreichte die Schlange, die eher einem müden Regenwurm glich, gerade als sich die letzten Fahrgäste in die Linie 8 windeten. Konnte es nicht einmal trocken bleiben!

         Gern hätte sie den späteren Bus genommen, und auch viel lieber den der Linie 100, denn der fuhr am Kurfürstendamm vorbei, wo James Dean in Übergröße auf sie herabschaute und sich ein Geschäft mit pikfeiner Auslage an das andere reihte. Auch das von dem Modeschöpfer, dessen Kreationen in allen Illustrierten abgedruckt waren. Filmstars liebten Christian Dior und jede Frau, die etwas auf sich hielt und das Glück hatte seine Kleider zu tragen, bekam wie von selbst dieses, wie nannten sie das nochmal? Sexy Appeal! Das könnte sie auch gebrauchen. Nicht, dass ich nicht hübsch bin, lobte sie sich, aber schicke Kleider und ein bisschen Sexy Appeal machen verführerisch und bringen jeden Mann dazu sich nach einer Frau umzudrehen. Samt und Seide und dieses Appeal, das einen Giganten dazu bewegen könnte mir zu verfallen. Wenn ich nur oft genug an dem Geschäft vorbeifahre, kann ich mir vielleicht das eine oder andere Kleid einprägen und zuhause nachschneidern. Aber ach, ich kann ja nicht einmal einen kaputten Topflappen stopfen, und so ein Kleid macht sich doch nicht von alleine. Flausen! rügte sie sich. Daran war sowieso nicht zu denken. Um halb acht war Schichtbeginn.

         „Mein Herr, könnten Sie bitte noch ein bisschen rücken?“ Mit diesem Satz vergaß Marlene den Traum von Linie 100 und dem späteren Bus und schob sich hinein zu all den anderen tropfnassen Gestalten. Schließlich tolerierte man im Victoria-Bad keine Eskapaden und Zuspätkommen gab es dort nicht. Drinnen, oder besser gesagt fast drinnen ("im Bus" Anmerkung: erklärt sich aus dem Kontext) hatte sie alle Mühe die Füße fest auf dem Boden zu halten. Dieses Gedränge - wie unangenehm ihr das war! Körperteile von fremden Männern an ihrem Rücken oder sogar am Busen. Sie schob ihren Kunstpelzmantel am Hals weiter zu und versuchte Halt zu finden so gut es in dieser Blechkutsche voller Hallodris eben ging. An die Tür gepresst und sich mit einem Arm an einer Strebe haltend, war ihr Mantelärmel das einzige worauf sie den Blick richten wollte. Es sollte doch keiner denken sie würde mit ihm anbändeln wollen. Das wäre auch noch schöner! Ihre Augen wanderten über dem falschen Pelz hin und her, während sich in ihr ein Gefühl von Gewöhnlichkeit ausbreitete. Mit jeder Haltestelle wurde sie weiter in das Innere gedrängt bis sie in der grauen Masse unterging. Am Victoria-Bad spuckte der Bus sie nach einigem Quetschen und Schieben wieder aus. Beinahe wäre sie dabei gefallen, aber einer dieser Schwerenöter mit Hut und billigem Anzug bot ihr Halt, sicherlich nicht ohne Hintergedanken, und so konnte das Unglück vermieden werden. Schnell wandten sich ihre Augen von dem Retter ab, und sein „Nicht so stürmisch, Kleine!“ verhallte hinter ihrem Rücken.

         Der Aufstieg zur Chlor und Bohnerwachs schwitzenden Vorhalle, verlief nicht ohne Schrecken. Ihr linker Absatz hatte den Trott satt und löste sich von seinem Peiniger. Gab es denn nichts, was wirklich etwas taugte? Den einen Schuh in der Hand betrat sie ihr vom Krieg verschont gebliebenes Tagesreich.

         „Püppchen Püppchen! Immer oof’n letzten Drücker, ick hol dir ooch ab morjens mit’n Motorrad, musste dir nur feste an mich kuscheln, damit de mir nich oofe Straße plumpst, ’n Helm hätt ick ooch für deen süßet Köppchen!“

         Püppchen? Wenn dieser Tag weitergegangen wäre wie jeder andere hätte sie den Hausmeistergehilfen schon wieder in die Realität zurückbefördert. Doch vor ihr befand sich etwas, das den Alltag ganz ohne kesse Lippe verstummen ließ, und auch Marlene begann den Sinn für das Reale zu verlieren.

         Etwas Paradiesisches breitete sich auf dem Fliesenboden der Vorhalle aus und hatte um sich herum ein Magnetfeld aufgebaut, dem sie nichts entgegen setzen konnte. Schuhe! Überall Schuhe. Doch keine von der Sorte des armen Invaliden, den sie in ihren Händen trug. Vielmehr echte Schätze, Unikate. Kurfürstendamm! 

         „Dit sind die Fritzen vom Katalog, knipsen hier die Treter ab, muss dich aber nich‘ kümmern, sollst wischen, bevor du an deene Kasse jehst.“

         Ohne große Raffinesse arrangierte er Eimer und Lappen um Marlene und drückte ihr den Besen in die freie Hand. Doch sie war längst aus ihrem Körper geschlüpft und ihr Geist wanderte hin zu dem gleißenden Scheinwerferlicht, in dem James, Christian und ihre eigentliche Bestimmung sie liebevoll zu erwarten schienen. Zurück blieb eine leblose Puppe, die einen Schuh ohne Absatz in der Hand hielt wie Eva   einen angebissenen Apfel. Ihr Geist war umnebelt und zunächst bemerkte sie nicht, dass sich ihr ein Vogelgesichtiger im schwarzen Anzug stolzierend näherte. „Könnten Sie sich bitte mal kurz dort hinlegen?“ Marlene schaute ihn verdutzt an, unfähig etwas zu erwidern. – „Dort vor die Schuhe, aber bitte ziehen Sie diesen schrecklichen Mantel aus!“ Der Rabe nahm ihr den kaputten Schuh ab und befreite sie von ihrem Kunstpelz. Mit seinen langen kühlen Fingern  berührte er ihr Dekolletee und knöpfte ihre Bluse auf. Ohne Widerstand, als hätte sie jede Verklemmtheit im Omnibus zurückgelassen. „Bittschön, Frollein, lassen Sie uns anfangen!“ Immer noch wortlos und wie von einer fremden Macht betört ließ sie ihre leibliche Hülle samt Eimer, Wischmopp und Hausmeistergehilfen hinter sich und folgte dem Fremden ins wärmende Licht. Sie legte sich vor das Heer der glitzernden Pretiosen mit den hohen Hacken. Willenlos folgte sie den Anweisungen des schwarzen Vogels, der fortan knipsend um sie herumflatterte. Tropfen aus ihren nassen Haaren regneten auf den Hallenboden, während ihre Poren sich öffneten, um den Stoff von Bluse und Unterhemd zu tränken. War sie auserwählt? Hatte man sie endlich entdeckt? Hatte man ihr wahres Wesen erkannt? Gab es Erlösung, existierte eine bessere Welt? Ideen schossen wie Kometen durch ihren Kopf. Wurden mit jedem Blitz geboren und verglühten wieder in ihrem Universum. Sie rekelte sich auf dem Hallenboden und wischte darauf die salzige Feuchtigkeit, die von ihrem pochenden Leib ausging, hin und her. Geblendet von Lampe und Kamera begann sie auf einem ihrer Kometen mit einem Mann im Smoking zu tanzen - vollkommen enthemmt und unbeschwert. Er hatte schützend seinen Arm um sie gelegt und beide schwebten in konzentrischen Walzerkreisen durch einen an Pomp nicht zu überbietenden Ballsaal. Tanzen, für immer tanzen in Kreationen von Christian Dior und Schuhen, wie sie nur Prinzessinnen sie tragen durften, ja – tanzen!

         „Danke, das reicht!“ – „Bitte nicht, lass uns einfach weitertanzen, bitte, James!“ – „Dankeschön, Frollein, das reicht.“ In ihr vernebeltes Bewusstsein drang eine unangenehm krächzende Stimme und verscheuchte das kosmische Licht. „Motiv ist eingestellt. Wir sind durch mit den Probeaufnahmen. Katharina, bitte, es kann losgehen.“

         Motiv eingestellt? Probeaufnahmen? Der PH-Wert der Atmosphäre wechselte von Dior zu Seifenlauge. Marlene richtete sich von dem verschwitzten Fliesenboden auf und musste zusehen, wie eine pfauenartige Frauensperson mit geschminktem Puppengesicht sich in einem echten Nerzmantel auf dem Platz ausbreitete, den sie mit ihrem naiven Verlangen und ihren seligen Träumen gewärmt hatte.

       Eine Weile blieb sie noch stehen. Wie eine Verstoßene wandte sie sich schließlich ab und kehrte zu den Putzlappen, ihrem Kunstpelz und dem Hausmeistergehilfen zurück. Ihr Kopf glühte und ihr Herz zog sich zusammen, während sie den Wischmopp in den Eimer tauchte. Als sie diesmal begann den Boden der Vorhalle zu befeuchten verschwanden alle Kometen im Schwarzen Loch des Putzwassers.

 


 

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