Vardana

Inspiration für Autoren

 
 

Was entstand bei VARDANA?

 

2014


Zum ersten Mal fand die VARDANA-Schreibwoche in den Räumen des Traditionshotels AbanoRitz statt, ein großzügiges Ambiente mit allen Bequemlichkeiten, die ein gepflegtes Familienhotel zu bieten hat. Zehn Teilnehmer, davon zwei Wiederholer des Kurses, fanden sich im November zusammen um zu lernen, wie man innerhalb einer Woche eine gute Kurzgeschichte zu Papier bringt. In einem freundlichen hellen Raum hatte jeder seinen Tisch, auf dem er sein Schreibgerät aufbauen konnte.


Zuerst gab es wie üblich einführende Übungen zur Themenfindung und ein wenig Theorie, die täglich vertieft und erweitert wurde. Dann begann die Arbeit an dem Stoff, für den jeder sich entschieden hatte. In diesem Jahr waren die Geschichten besonders individuell und zum Teil biografisch inspiriert. Zwei spielen in den Schweizer Bergen, knorrig, herb und entschlossen. Eine dritte führt uns in eine fränkische Stadt, dessen Kuppelkirche in den letzten Bombennächten des Zweiten Weltkrieges zerstört wird, eine weitere lässt uns ganz aktuell die Zerstörung von Aleppo miterleben. Ein römischer Kerker und das Heilige Jahr des Jahres 1600 wird zum Schauplatz eines historischen Konfrontation. Die Wiederbegegnung zweier Geschwister in einem Berliner Café bewegt den Leser ebenso wie der Besuch in einer Arztpraxis mit einer lebensverändernden Diagnose. Eine Mutter lässt uns ihren Schmerz angesichts einer kranken Tochter mitfühlen. Eine Beerdigung gewährt Einblicke in das Dorfleben. Ein perfekter Ehemann wird entsorgt. Viel Drama also, entscheidende Augenblicke, die auf wenigen Seiten ganze Lebenspanoramen vor uns entfalten.


Nach der intensiven täglichen Textarbeit, unterbrochen nur am Vormittag von ein wenig Körperarbeit im Park und einem Teestündchen am Nachmittag, freute sich jeder auf das köstliche und stets festlich angerichtete Dinner im hundertjährigen Speisesaal, wo das Personal mit weißen Handschuhen raffinierte und doch gesunde Mahlzeiten in bester italienischer Tradition servierte. Die Mittagpause konnte man der Ruhe, dem Schreiben oder einem entspannenden Bad im von der Sonne beschienenen Thermalwasser  widmen. Am freien Nachmittag fuhr Varda mit einigen, die die Lagunenstadt noch nicht kannten, nach Venedig. Auch ein Ausflug in die spätherbstlichen Weinberge rund um Abano stand auf dem Programm. Am Ende der Woche dann zwei Höhepunkte: Unser Maskenfest anlässlich des immer beliebter werdenden Halloween, zum großen Erstaunen der Hotelleitung, und die feierliche Lesung der entstandenen literarischen Werke - mit viel Applaus und nicht wenig Autorenstolz.




Brenne, Bellarmini, brenne!


K. T.


Rom 1600. Das von Papst Clemens VIII. ausgerufene Heilige Jahr ist gerade einen Monat alt. Es ist der Abend des 7. Februar, als eine Kutsche im Schneegestöber den Tiber auf der Ponte Sant’Angelo überquert und vor der Engelsburg zu stehen kommt. Der Kutscher steigt ab, öffnet die Portiere und hilft einem rot gewandeten Mann heraus, dessen Mantelkragen mit weißem Hermelin besetzt ist. Ein zweiter Mann will folgen, der erste gebietet ihm zu bleiben; er wünscht keine Begleitung. Durch kalbslederne Schuhe dringt die kalte Nässe des Schneematsches. Er bereut augenblicklich kein festeres Schuhwerk zu tragen. Mit der behandschuhten Linken rafft er den Mantel um ihn nicht mit Straßendreck zu beschmutzen. Die rechte Hand ziert ein Kardinalsring, der über dem Seidenhandschuh am Finger steckt. Mehr schlitternd als gehend eilt er zum Eingang. Die Wachen lassen ihn ohne Kontrolle passieren. Er ist kein Unbekannter. Auf den ausgetretenen Treppenstufen, die in die Katakomben hinunterführen rutscht er mehrmals aus und  muss sich am rostigen Geländer festklammern. Ein kalter Windzug bringt die an den Wänden brennenden Fackeln zum Flackern. Teergeruch liegt in der Luft. An den Mauern glänzt die Nässe, auf den Bodenplatten sammelt sich Wasser in Pfützen. Er weicht ihnen aus ohne erneut das Gleichgewicht  zu verlieren.

Von draußen dringt kein Geräusch hier herunter. Es herrscht taube Stille, ab und an durchbrochen vom Quieken einer Ratte. Vor einzelnen Zellentüren liegen Folterwerkzeuge. Ein einsamer Wachsoldat sitzt an die Wand gelehnt auf einem Hocker. Die Lanze auf dem Schoß, dämmert er vor sich hin. Am Deckengewölbe über ihm haben über die Jahrhunderte eine Vielzahl von Fackeln Rußflecken gebildet.

Der Soldat schreckt hoch als eine aufgescheuchte Ratte seinen Fuß streift. Da vernimmt er ein Knistern von Stoff, das rasch näher kommt. Er rappelt sich auf, richtet noch schnell seine Uniform und greift nach der Lanze. Die Uhrzeit kennt er nicht, kein Tageslicht dringt nach hier unten. Sein Rhythmus wird einzig von der Wachablösung bestimmt. Als die hochherrschaftliche Gestalt im Schein der Fackeln auftaucht nimmt er zunächst Haltung an. Dann kniet er nieder, beugt den Kopf zum Kuss auf den Ring an der lässig ausgestreckten Hand. Auf Geheiß öffnet er eine der schweren Kerkertüren. Der Riegel lässt sich nur unter Anstrengung zurückschieben. Aus der Zelle schwappt ein fauliger Gestank. Der Besucher greift zu einem duftenden Spitzentüchlein in seinem Jackenärmel, hält es sich unter die Nase. In seinem Gesicht spiegelt sich Abscheu. Die Tranlampe auf dem maroden Tisch, die der Besucher durch die Türöffnung erspäht erhellt die Zelle nur spärlich, man kann kaum bis in die Ecken sehen. Im Halbdunkel bewegt sich eine Gestalt. Sie richtet sich von der harten Pritsche auf, geht schwerfällig zum Tisch, lässt sich grußlos auf einem Hocker nieder.

Um die Zelle zu betreten muss der Gast sich bücken. Dabei stößt er an einen Eimer mit Fäkalien. Der Deckel verrutscht, der Kübel setzt beißenden Kotgestank frei und lässt den Besucher trotz des Dufttuches würgen. Er befiehlt dem Wachsoldaten, der hinter ihm wartet, den Eimer zu entfernen und seinen Schemel hereinzubringen. Dann soll er verschwinden. Keiner darf hören was gesprochen wird. Er macht gar nicht erst den Versuch, sich vom Zelleninsassen den Ring küssen zu lassen. Er ist alleine mit ihm, benötigt diese Geste der Unterwerfung nicht.  Er hat anderes im Sinn.

Der Jesuit Roberto Kardinal Bellarmini vertritt die Kurie als römischer Großinquisitor. Studierter Humanist in den Fächern Philosophie und Astronomie, hat er auch ein Theologieexamen der Universität Löwen. Der Delinquent in der Zelle ist Giordano Bruno aus Nola bei Neapel, ein Dominikanerpater. Der „Academico di nulla Academia“ lehrte einst in Paris, Oxford, Prag und Helmstedt und soll am Folgetag als Ketzer verurteilt werden. Beide sind hervorragende Rhetoriker von ebenbürtigem Intellekt, messerscharf in der Argumentation, kenntnisreich in vielen Disziplinen. Bellarmini hat scheibchenweise das Werk Brunos seziert und konnte innerhalb von nur zehn Monaten acht Anklagepunkte herausarbeiten, die er dem Dominikanermönch zum Vorwurf macht, von denen aber nur einer von eminenter Bedeutung ist.

Bruno hat mit seinem Werk über die Monade, dem kleinsten nicht mehr teilbaren, unwandelbaren Teilchen, den Bogen mehr als überspannt. Damit hat er nachweislich auch die Transsubstantiation, die Wandlung von Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi, geleugnet und mit der Idee Demokrits vom Atom das heiligste aller Sakramente geschmäht. War nicht sein Postulat von der Unendlichkeit des Weltraumes und der Ewigkeit eines Alls angefüllt mit einer unzählbaren Menge von Sonnen und umkreist von beseelten Welten wie die unsere und einem Gott, der all dem innewohnt, skandalträchtig genug? Zeit sei eine relative Größe, hat er frech behauptet, sei abhängig vom Betrachter. Solche Aussagen sind nichts als gottloser Frevel.

Sehr rasch hatte der Großinquisitor bei der Lektüre von Giordano Brunos Werk erkannt: Würde jemand dessen Thesen begreifen, wäre das aristotelische Kristallschalenmodell zertrümmert. Der ordinäre Mensch auf der Straße wäre betrogen um Oben und Unten, um Himmel und Hölle, es gäbe keine Erlösung mehr, keinen Ort für die Seelen, an den sie nach dem Tod zurückkehren könnten, keine Schöpfung, kein Armageddon. Gott wäre keine moralisch richtende Instanz mehr, sondern nur eine abstrakte, nicht mehr greifbare Größe, weder drohend noch Trost spendend, Jesus als Pantokrator entmachtet.

Die Kirche musste gerade die Katastrophe namens Martinus Luther überstehen, ein Schisma von bedrohlichem Ausmaß hatte eingesetzt. Das Papsttum war in ernsthafter Gefahr.

Der Kardinal hielt sich weiter das Tüchlein mit wohlriechenden Essenzen unter seine Nase, die an den Schnabel eines Greifvogels erinnerte. Im spärlichen Schein der Flamme sah er Brunos magere Gestalt auf einem Hocker sitzen. Der Bart reichte ihm bis auf die Brust, die Wangen waren eingefallen. Ein säuerlicher Gestank ging von ihm aus. In seinen Augen funkelte aber immer noch eine bedrohliche Glut, die von seinem ungebändigten Temperament zeugte. Bruno fixierte Bellarmini argwöhnisch.

Beide Männer hatten sich während der letzten Monate unzählige Male in den heiligen Offizien gegenüber gesessen. Seine Eminenz hatte den Mönch Stück für Stück mit seinen Werken, seinen unerhörten Aussagen konfrontiert. Der Beklagte hatte ihm dezidiert seine Position deutlich gemacht, immer wieder erklärt, er sei Philosoph und kein Ketzer, habe auch einen festen Glauben an den einen Gott. Er, Giordano Bruno aus Nola, sähe seine Hypothesen in keinerlei Weise im Widerspruch zur Lehre der Kirche. Nein, im Gegenteil, seine Thesen belegten die Einzigartigkeit, Allmacht und die Größe Gottes eben gerade durch sein unendlich großes, ewig währendes und beseeltes Werk, das man gedanklich nicht auf eine einzige in Zeit und Raum begrenzte Welt reduzieren könne.

Das ist Giordanos stärkstes Argument. Damit erreicht er erstmals den Humanisten Roberto Bellarmini, der es sich selbst aber nicht eingestehen will. Er empfindet Respekt, fast schon Sympathie dem brillanten Denker gegenüber. Dieser Nolaner ist leidenschaftlich, hervorragend im Sprachgebrauch, kreativ in den Formulierungen, unnachgiebig in der Argumentation - Eigenschaften, die Kardinal Bellarmini bewundert. Nun sitzen sie sich hier im Verlies des Castel Sant’Angelo wohl ein letztes Mal gegenüber. Beide starren sich ins Gesicht. Bellarmini atmet schwer durch sein Dufttüchlein ein, mustert den ausgezehrten Häftling.


„Nun, Giordano, wie geht es Euch?“ eröffnet der Kardinal sitzend auf Augenhöhe mit dem Delinquenten das Gespräch. Der zuckt müde mit den Achseln. „Was meint Ihr,  Eminenz, wie es einem geht, dessen Schicksal besiegelt ist? Der sein Leben in Gottes Hand gelegt hat, oder aber... in die Fänge dessen geraten ist, der sich anmaßt sein Stellvertreter auf Erden zu sein!“ Verachtung liegt in seiner Stimme. Augenblicklich steigt in Bellarmini wieder die alte Wut auf, Zornesröte steigt ihm ins Gesicht. Eigentlich will er Bruno nicht verlieren. Aber dieser schafft es immer wieder ihn bis aufs Messer zu provozieren. Dennoch, ein solch versierter, unnachgiebiger Rhetoriker wäre für Papsttum und Kurie gut zu gebrauchen, denkt sich Bellarmini und macht sich damit etwas vor. Dass es Zuneigung zu diesem notorischen Querulanten sein könnte, die ihn hier her in das Kerkerloch geführt hat, mag er sich selbst nicht eingestehen.

Der Dominikaner ist endlich dort wo der Jesuit ihn haben will. Der Jäger hat die Beute gestellt. Allein, die Jagd dauerte zu lange, war viel zu wild geworden, Jäger und Gejagter hatten begonnen Freude am intellektuellen Spiel zu finden. Sie warfen sich ihre Argumente wie Bälle zu, bewegten ihre Positionen wie Figuren auf einem imaginären Schachbrett, waren ebenbürtige Kontrahenten bei einem Spiel, das für einen von beiden tödlich enden musste. Das war dem Mönch bewusster als dem Kardinal, denn er hatte von Anfang an seine Sache verloren gegeben und diesen Trumpf spielte er jetzt aus. Bei Roberto Bellarmini hatte er während der Hetzjagd die Leidenschaft geweckt, sogar emotionale Qualitäten in diesem sonst so nüchternen Katecheten hervorgelockt, die dieser bis zur Begegnung mit Giordano Bruno nie verspürt hatte. Der hatte den Spieß schon längst umgedreht ohne dass Kardinal Bellarmini es bemerkt hätte. Aus dem Jäger war der Gejagte geworden. Er, der ansonsten so selbstsichere Kleriker, hatte begonnen an seinem Weltbild zu zweifeln, hatte Respekt für Giordano entwickelt, fast ein Gefühl von Seelenverwandtschaft. Der Dominikaner indes spielte mit ihm.

Der Kurienkardinal bringt seine aufflackernde Wut mühsam wieder unter Kontrolle: „Hört, Giordano, Ihr werdet morgen Euer Urteil wegen Häresie entgegennehmen, danach werdet ihr dem Gouverneur von Rom überstellt. Wie die weltliche Gerichtsbarkeit mit Euch verfahren wird, nun - ihr werdet sehen!“

Beide wissen schon jetzt: Der Mönch soll publikumswirksam brennen. Rom ist wegen des Heiligen Jahres übervoll mit Pilgern, die etwas Aufregendes erleben wollen. In der Zelle herrscht Stille, nur der Atem der Kontrahenten ist hörbar. „Ihr habt noch immer die Möglichkeit“, bricht Bellarmini das Schweigen, „Eure Thesen zu wiederrufen und als freier Mann in den Schoß der Kirche zurückzukehren! Ich werde mich persönlich bei seiner Heiligkeit für Euch verwenden!“ - Bruno hebt die Augenbrauen, ein zaghaftes Lächeln umspielt seine Lippen, er lässt sich Zeit mit der Antwort, die er schon lange kennt. Dann schüttelt er leicht den Kopf und spricht nur ein einziges Wort: „No!“

Der Kardinal presst den Kiefer zusammen, seine Wangenmuskeln spannen sich. Was hatte er erwartet, was erhofft? Giordano würde brennen, und das entsetzte ihn. Der Häftling beobachtet seinen Gegenspieler mit gesenktem Kopf und Genugtuung erfüllt ihn. Dieser Mann hat Feuer gefangen.

Aus der eingefallenen Brust des Häftlings bricht sich ein schallendes Gelächter Bahn, das den verhöhnt, der da vor ihm auf dem Hocker im Dreck der Zelle sitzt. Wie weit kann sich ein kirchlicher Würdenträger erniedrigen! Der Kardinal begreift. Scham befällt ihn. Er ist Giordanos Welt zu nahe gekommen, hat sich wie ein Falter an der Flamme des Geistes die Flügel versengt. Gedemütigt verlässt er den Kerker, entflieht in den feuchten Gang und weiter die Treppen hinauf. Während die Tore des Gefängnisses sich mit lautem Rasseln schließen, hallt ihm das Hohngelächter bis nach oben nach. In ihm wird es nie wieder ganz verstummen.







Der Sonntagsbraten


Emmanuel de Tscharner


Es war Sonntag und die Mutter hatte den Mittagstisch mit dem Hochzeitsgeschirr in der Stube gedeckt. Die ganze Familie samt Grosskindern wurde erwartet. Die Sonne strahlte durch die kleinen Fenster und wärmte die Holzwände. Eine friedliche Atmosphäre breite sich im Raum aus, gewürzt mit Rauch, Holz und Bratenduft.

Der Vater stand am Kopfende der grossen Tafel, der Mutter gegenüber, die neben der Küchentür sass. Er schaute auf seine Familie und man konnte sehen, dass er froh war alle wieder um seinen Tisch versammelt zu sehen. Er griff zu dem grossen Besteck, schnitt sorgfältig Scheibe für Scheibe vom Braten herunter und verteilte das Fleisch an jeden der Anwesenden. Die Mutter löffelte die Bratkartoffeln und Bohnen aus den grossen Schüsseln auf die Teller.

Dann nahm der Vater den Rotwein, goss sich davon ins Glas, probierte und reichte die Flasche an seinen Sohn weiter. Als alle versorgt waren, hob er sein Glas, blickte seine Familie an und sagte : « Einen Guten miteinander, und Santé ! ». Er trank einen Schluck und setzte sich.

Jetzt hörte man nur die Gabeln und Messer auf den Tellern.

„Du, Vater, ich habe gehört, dass der Brunner seinen Hof für ein schönes Geld verkauft hat.“

Die Wörter des Sohnes schmerzen in den Ohren des Vaters wie eine Ohrfeige. Nicht, weil sie ihn überraschten, sondern weil er wusste, dass sie Unfrieden in die Familie Hineinbringen würden.

„Und, was geht uns das an?“ entgegnete er. Seine Stimme klang verärgert. Er ahnte, dass der Vater seiner Schwiegertochter im Hintergrund die Fäden zog.

„Ja, ... wie steht es denn um unseren Hof? Du wirst schliesslich auch nicht jünger.“ erwiderte der Sohn.

„Ja, genau.“ fügte die Schwiegertochter hinzu.

„Du hältst deinen Mund! Das ist mein Haus, ich hab’s von meiner Familie geerbt.“ Der Vater stiess seinen Stuhl zurück, packte seine Schwiegertochter am Arm und zerrte sie in den Vorgarten hinaus. Dort drehte er sich um und wies auf den Hausgiebel:

„Lies mal, was dort steht!“. Sie hob ihren Blick, sah die alte Hofinschrift und versuchte sie zu entziffern:

„Hans Teuscher und seine Frau Anita haben dieses Haus Anno Domini 1812 vom Zimmermeister Jakob Kernen für sich und ihre Nachkommen erbauen lassen. Gott schütze alle unter diesem Dach.“

Kaum hatte sie die Worte zu Ende gelesen, hörte sie die Stimme des Alten: „Und unter diesem Dach wird kein Fremder wohnen, solange ich lebe!“ und ging zurück an den Esstisch. Die junge Frau stand wie erstarrt noch eine Weile draussen und es dauerte, bis sie sich wieder in die Stube traute. Ein Schweigen füllte den ganzen Raum. Endlich hörte man eine Kinderstimme: „Du, Grossi, dürfen wir aufstehen und rausgehen?“. Die Grossmutter schaute zu ihrem Mann und sah, wie er nickte.

Während die Frauen abräumten, stütze der Vater den linken Ellbogen auf und trommelte mit der rechten Hand auf dem Tisch. Das Leben in einem Bergbauernhof war hart. In der Früh melken, ausmisten, Tiere füttern, Milch ins Dorf hinabbringen, früher noch zu Fuss, heuen und so viel mehr noch, was Arbeit macht. Und das jeden Tag, den Gott gab. Wie lange konnte er das noch leisten? Es stimmte ja, was der Sohn angedeutet hatte. Er war manchmal müde.

Derweil waren Kaffee und Pflaumenkuchen hereingebracht worden und der Tisch wieder fein gedeckt. Er holte den selbstgemachten Kräuterschnaps und ein paar Gläschen aus dem Schrank und zog seine Brissago aus der Westentasche, zündete die Zigarre an und lehnte sich zurück.

Der Besuch wurde zum Auto gebracht, man verabschiedete sich und die Grosseltern kehrten ins Haus zurück. Der Alte sah zu, wie seine Frau die Küche in Ordnung brachte. So hatte sie es schon immer getan, seit ihrer Hochzeit, sie kochte und nähte und wusch und fegte und besorgte den Gemüsegarten und wenn Not am Mann war, half sie auch beim Melken und Heuen.

Ein bisschen Zeit für sich selbst und zum Ausruhen hätte sie auch verdient. Er ging zu ihr, legte seine grossen Hände auf ihre schmalen Schultern und sagte:

„Du, Mutter, was meinst du, wollen wir uns nicht ein Weilchen auf die Bank setzen?“.







Gieselchen


T. K.



Sie hasst es, wenn er ihr mit der Hand die Wange tätschelt. Sie verabscheut diese herablassende Geste, mit der er sie immer wieder erniedrigt, ihr seine Überlegenheit demonstriert. Seit über sechzig Jahren sind sie verheiratet, seit fast vierzig Jahren die Kinder aus dem Haus. Sie erträgt sie seine Launen, seine Marotten, seine Bequemlichkeiten. Sie sitzt neben ihm auf der Parkbank. Es ist Spätherbst und sie könnte schreien angesichts der Tristesse des Parks, in der sich ihr eigenes Leben spiegelt.

Von dem was in ihrem Kopf vor sich geht bekommt er nichts mit. Er liebt sein Gieselchen. Vom ersten Tag stürmischer Leidenschaft bis heute ist er ihr treu geblieben. Natürlich ist er ab und an versucht gewesen, hat Angebote bekommen von jüngeren und hübscheren Frauen, reizvoller als sein Gieselchen. Er sieht ja auch heute mit fast neunzig noch recht gut aus, aber er hat stets allen wiederstanden. Wenn sie so neben ihm sitzt wie heute, überkommt ihn immer wieder das Verlangen, seiner Frau die Wange zu streicheln. Dass sie sich dabei wie ein gekraulter Pudel fühlt käme ihm nie in den Sinn. Sie lässt es über sich ergehen, weil sie ihre Rolle als Gattin erfüllen will.

Sie versorgt ihn gut. Das Essen steht immer pünktlich auf dem Tisch wenn er nach Hause kommt, früher nach der Arbeit, und jetzt, wenn er vom Kartenspielen mit den Freunden aus der Kneipe heimkehrt. Der Haushalt ist geordnet, die Wäsche gewaschen, die Hemden gebügelt. Oh wie er sie für all das liebt! Ja, das weiß sie.

An ihrem Geburtstag lädt er sie immer zum Essen auswärts ein und zu Weihnachten schmückt er den Baum für sie.  Gemeinsam mit seinem Gieselchen hat es zu etwas gebracht. Zufrieden, selbstzufrieden wie sie findet, lehnt er sich auf der Parkbank an sie und tätschelt ihre Wange, wie sie da so friedlich vereint zusammensitzen.

Oh wie sie sein ewiges Bedürfnis nach Gemütlichkeit und Bequemlichkeit hasst, diese Geordnetheit des Daseins. Alles nimmt er von ihr an, nie bringt er sich ein, nie entlastet er sie, auch nicht seit sie älter wird, er immer mehr Zeit und sie immer weniger Kraft hat. Tag für Tag setzt er sich an den gedeckten Tisch. Nach gegessener Mahlzeit Tischabdecken - ja wo käme er da wohl hin! Niemals in all den Jahren. Er isst und trinkt, geht seinen Hobbys nach, besteigt sie von Zeit zu Zeit im Bett, obwohl er längst nicht mehr kann und sie, sie funktioniert unentwegt wie eine Schweizer Präzisionsuhr – ticktack ticktack seit über sechzig Jahren – Scheiße, jawohl. Doch Uhren wehren sich nicht. Sie sagen nichts außer ticktack, ticktack.

Eine Wut kriecht in ihr hoch, der Frust all dieser Jahre, und das Herz schlägt ihr bis zum Hals, als sie mit einem energischen Ruck aufsteht. Sie greift nach dem Stockschirm, der an der Bank lehnt. Kaum dass es ihr bewusst wird reißt sie den Arm mit dem Schirm in die Höhe, hoch über seinen Kopf. Er sieht mit Erstaunen den Schirmknauf mit voller Wucht herniedersausen und fühlt wie er sein Jochbein mit einem fiesen Knirschen zertrümmert. Aber Gieselchen, nuschelt er noch durch das Blut hindurch, das aus seinem Mund quillt.

Sie ist überrascht von der Wirkung ihres Schlages. Er rutscht besinnungslos von der Parkbank und bleibt liegen, unter ihr auf dem mit faulenden Blättern übersäten Kiesweg. Sie verharrt noch einen Moment, selber ganz verwundert, und verlässt beschwingten Schrittes den Park. So leicht und so frei hat sie sich seit sechzig Jahren nicht mehr gefühlt.








Das geschenkte Leben


Maya Filipova-Schadenfroh




Ein wahrhaftiger Altweibersommertag. Die Sonne kitzelt auf der Nase, die rot-gelbe Pracht der Baumkronen ist vertraut und erhaben zugleich. Das farbige Herausputzen der Natur vor dem Winterschlaf begeistert uns beide- meine Tochter Lora und mich. Wir schlängeln unsere Räder durch den Baumkronentunnel hoch. Sie trägt wie so oft ihren bequem weiten schlammfarbenen Overall und darüber einen langen dicken Pullover.

Wir fahren langsam, weil wir uns an diesen gemeinsamen Wochenenden vorgenommen haben die Uhren keines Blickes zu würdigen. Ich erfreue mich an ihren Anblick. Wie mühelos sie in die Pedale tritt und den Berg mit Leichtigkeit bezwingt. Mir hingegen geht die Puste aus, ich steige vom Fahrrad und atme die kühle nach Herbst duftende Luft. Das Thermalbad, das wir ansteuern, gilt im Volksmund als ein Kraftort. Seit Urzeiten läutert man dort Körper und Seele. Bald haben wir es geschafft und stehen entzückt vor dem denkmalgeschütztem Gebäude aus dem 18. Jahrhundert. Weiß und herrschaftlich wie ein Märchenschloss.

Ich genieße die Schwerelosigkeit im wohlig warmen Heilwasser. Auf dem Rücken liegend träume ich durch riesige Panoramafenster über die verschneiten Bergspitzen zum Himmel hin. Dieses Jahr hat es bereits am ersten Oktober Neuschnee gegeben. Spannend ist dieses Knistern zwischen zwei Jahreszeiten und das Rauschen des langsam fließenden warmen Wassers hat etwas Magisches. Heute ist es relativ leer. Bei schönem Wetter sind die meisten Leute lieber beim Wandern. 

Mein Blick schweift zu einer Knochengestalt, die aus der Umkleide heraus taumelt. Ich sehe langes, pechschwarzes  Haar und einen schwarzen Badeanzug, der schlotternd an einem mageren Körper hängt. Aber das ist doch... das ist ja Lora! Meine Lora! Gerade hat sie noch voller Kraft den Berg bezwungen und jetzt steht sie leblos und verloren da wie eine Marionette aus dürren Zweiglein.

Ich kann mich nicht bewegen. Meine ganze rechte Körperhälfte ist wie gelähmt. Meine Kehle ist zugeschnürt, ich ersticke am eigenen Atem. Das Einzige, was ich vernehme, ist mein dröhnender Pulsschlag, wie eine überdimensionale Kirchenglocke droht er meinen Schädel zu sprengen. Endlich fließen Tränen der Machtlosigkeit und Verzweiflung über mein vom Schmerz entstelltes Gesicht. Ich erinnere mich gar nicht mehr, wann ich sie das letzte Mal unbekleidet gesehen habe. Vor diesem Elend muss ich die Augen zumachen.

Und dann überschwemmt mich eine Bilderfolge wie sie einem manchmal kurz vor dem Ableben beschert wird, der Lebensfilm, das Wesentliche. Die kleine Lora, die mit Patschpfötchen und ausgesteckter Zunge ihre Kinderzimmertür bemalt. Wie sie hochkonzentriert vor dem selbstgebastelten Barbie-Haus kniet. Ich sehe ihr stets gerümpftes Näschen mit der selbstgewählten pinkfarbenen Korrekturbrille, die sie tragen musste, weil sie schielend zur Welt gekommen ist. Ich sehe meine Kleine mit dem Riesenrucksack, wie sie mir beim Abholen aus der Schule fröhlich lachend entgegen hoppelt. Und die Freude und Entrüstung über den ersten Büstenhalter... Später einmal ihre Aufforderung, ich höre sie noch: "Kochst du mir bitte ein Süppchen, Mama, aber dieses Mal bitte mit Liebe! Letztes Mal hast du vergessen sie mit Liebe zu würzen und deshalb hat sie mir auch nicht so gut geschmeckt."

Meine Tochter verändert sich mit den Jahren zügig zu einer Perfektionistin, die Selbstkasteiung in jeder Lebenslage beherrscht. Nichts macht sie nach eigener Einschätzung gut genug. In allem was sie tut sieht sie die eigene Unzulänglichkeit. Deswegen sei sie nicht liebenswert, so ihr Fazit. Deshalb könne keiner sie lieben. Selbstverleugnung und Selbstverachtung und Selbstzerstörung erreichen ihren Gipfel. Ich als Mutter kann ihren Gemütszustand unschwer an ihrem Äußeren ablesen: mal durchtrainiert und strotzend vor Kraft mit Riesenhunger, dann Monate später wieder dürr und zerbrechlich wie ein Weizenhalm. Sie schmilzt gleich einem Eiszapfen in der Sonne. Ihr Anblick ist kaum noch zu ertragen. Wenn ich hoffe, vielleicht hört sie mich heute, sage ich zu ihr: "Lora, du killst dich und deine Liebsten gründlich und gnadenlos". Und ich bekomme immer dieselbe Antwort: "Das bildest du dir doch alles nur ein, Mama. Schau mal wie viel Kraft ich habe! Ich esse ja genug wenn ich bei mir zuhause bin, nur heute habe ich keinen Hunger."

Wie sie von mir geht und manchmal wieder zurück findet, das wird unerträglich. Liebeskummer lehrt sie irgendwann ihr Herz ganz zu verschließen. Ihre weisen, großen Augen predigten still: "Was ich nicht habe, kann ich nicht verlieren". Sie spricht kaum noch mit mir. Lernsucht, Arbeitssucht, Magersucht, Sportsucht wechseln sich in schmerzhaftem Rhythmus ab. Alle meine Versuche mich ihr zu nähern laufen ins Leere. Aber bin dankbar, dass sie den Kontakt nicht ganz abbricht. Ich lerne täglich "annehmen". Das wiederum lehrt mich Demut und Geduld. Ganz viel von alldem lerne ich über die Jahre.

Lora verliert irgendwann gänzlich Lebenssinn und Selbstachtung. Dass sie viersprachig ist, ein Studium an bester Adresse mit Leichtigkeit absolviert, dass sie sich gleich für zwei Promotionsstellen an namhaften Universitäten qualifiziert hat und sogar spritzigen Humor besitzt und auf Jungs ausgesprochen attraktiv wirkt – sie leugnet das alles mit masochistischer Verbissenheit. "Mama, nur du siehst das so!" Auf diese Art zerschmettert sie meine durchdachte Argumentationskette. Ihr Tunnelblick wird immer enger und finsterer. Sie hört auf niemanden und nichts mehr.

Mit fünfundzwanzig Jahren dann ein Unfall auf der Autobahn. Überhöhte Geschwindigkeit auf Glatteis. Der Wagen überschlägt sich mehrmals, Totalschaden. Lora ruft ihre Mama als Erste an. Ihr sei überhaupt nichts passiert! Der Schock allerdings sitzt tief bei uns beiden.

Aber das Anklopfen der Besenfrau, so nannten wir damals den Gevatter Tod, hat sie wach gerüttelt. Monate vergehen bis sie sich wieder traut Auto zu fahren. Und langsam, endlos langsam blüht sie auf. "Wie isst man einen Elefanten? Bissen für Bissen!" Das ist jetzt ihr Lieblingsspruch. Sie wiederholt ihn wie ein Mantra. Sie lächelt auch immer öfter ihr hinreißend "weißes" Lächeln. Und sie lässt sich wieder lieben. Sogar selber zu lieben traut sie sich nach einiger Zeit.

Drei Jahre später sind wir erneut an einem ersten Oktober auf dem Bergweg zum Thermalbad. Und wieder hat es früh geschneit. Wir sind entzückt von dem jungfräulichen Weiß auf den Berggipfeln. Für uns beide ist das ein Symbol des Neuanfangs. Wir wollten hier hoch um bunte Blätter zu sammeln, aber sie schlafen bereits unter der dicken weißen Decke. Unsere Räder lehnen an einen Baumstamm. Ich umarme meine Tochter ganz fest und flüstere ihr zu: "Ist dir bewusst, liebste Blume, dass du dein Leben behalten durftest?"


Lora schaut mich aus großen Reh-Augen an. Nur der Tränenschleier, den ich darin entdecke, verrät was sie empfindet. Lange sagt sie nichts. Dann antwortet sie: „Ab jetzt feiere ich zwei Mal im Jahr meinen Geburtstag.“






Die Transzendenz lässt grüßen


T. K.

Schwester Agnes saß senkrecht im Bett. Das Herz schlug ihr bis zum Hals und darüber hinaus bis in die Hände, ihre gesamte Aura bebte. Schon seit dreiundzwanzig Jahren war sie Nonne im Orden der Karmeliterinnen, inzwischen sogar Priorin, aber eine mystische Vision wie die der hl. Teresa von Avila war ihr bislang von Gott versagt worden.

Sollte es ihr in dieser Nacht zuteil werden, ein mystisches, transzendentales Ereignis? Sie hatte im Schlaf etwas von oben gehört, war davon aufgewacht. Eine Audition? Schauer der Erregung liefen ihr den Rücken hinunter und ließen die Härchen auf ihren mageren Unterarmen aufrecht stehen.

Dunkel war es in der Zelle und kalt, es war Herbst und vor den Fenstern heulte ein Wind um die Mauern des Konvents. Sr. Agnes zog die Bettdecke höher bis zur Nase, stierte erwartungsvoll in die Dunkelheit und lauschte gespannt - nichts! Sollte sie geträumt haben? Doch gerade, als sie sich wieder zur Ruhe betten wollte, war es wieder da, ein Scharren über ihr. Erschrocken und verzückt verdrehte sie ihre Augen nach oben an die Deckendielen, die zugleich auch die Bohlen des Dachbodens über ihr bildeten. Sie schluckte, aber vor Aufregung blieb ihr die Zunge am trockenen Gaumen kleben und ein Kloß saß ihr im Hals. Was war da oben? Ein Zeichen? Eine Berufung? Die Dunkelheit in der Zelle nahm bedrohliche Ausmaße an, sie bekam kaum Luft, so erdrückt fühlte sie sich von einer Präsenz, die sie nicht deuten konnte. Sie zog die Knie unter der Bettdecke an und horchte, wollte verstehen, was ihr gesagt werden sollte – nichts.

Aber dann ein ohrenbetäubendes Poltern, ein unterdrückter Schrei. Sr. Agnes sprang aus dem Bett und stammelte verzweifelt: „... Er weidet mich auf grüner Aue, mir wird an nichts mangeln!“. Nebenan in der Nachbarzelle rumorte es auch und sie hörte Sr. Hildegart rufen „Hilfe, Herr Jesus Christus, steh mir bei!“, dann ein ersticktes Schluchzen. Von oben jedoch waren nun Schritte zu vernehmen und die Kirchturmuhr aus dem nahe Dorf schlug. Der Wind wehte die Glockentöne heran, vier für die volle Stunde und zwölf für Mitternacht. Sr. Agnes Unterkiefer bebte und sie musste sich beherrschen, damit ihre Zähne nicht aufeinander schlugen. Von oben waren schleifende Geräusche zu hören. Ein Geist? ein Gespenst? „Oh Gott, oh Gott, oh Gott“ betete die Priorin. Da hörte sie, dass den Zellengang weiter hinunter eine Tür aufgerissen wurde und energische Schritte den Gang entlang kamen, direkt auf ihre Zelle zu. Diesen Schritt erkannte sie jedoch, der gehörte unmissverständlich der bärbeißigen Sr. Yolanda. Schon klopfte es kräftig an die Tür, derweil von oben ein Schlag zu hören war und jemand leise fluchte. Sr. Agnes hatte noch nicht Herein! gesagt, da senkte sich die Türklinke und im Umriss der Gangbeleuchtung erkannte sie Sr. Yolanda ohne Haube, mit zerzausten Haaren. „Hast Du das auch gehört? Wer ist verdammt noch mal dort droben? Knallt Sr. Eleonora etwa durch? Hat sie wieder ihren Erleuchtungsfimmel? Hoffentlich hält die sich jetzt nicht für den Erzengel Gabriel und will aus dem Dachfenster fliegen. Der Herr steh uns bei!“ knurrte Sr. Yolanda. Sr. Agnes tastete, nun wieder mutiger geworden, nach dem Lichtschalter. „Hör auf, sie nimmt jetzt gewissenhaft ihre Neuroleptika. Das ist etwas anderes dort über uns.“ Nicht wenig enttäuscht drängte sich an Yolanda vorbei hinaus auf den jetzt hell erleuchten Gang, wo nun auch die anderen sieben Schwestern der kleinen Gemeinschaft zusammengelaufen waren. Über ihnen ging es nun richtig zur Sache: Räumen, Scharren, Tritte, Poltern. Der verschreckten Schar Nonnen, allesamt in züchtigen bodenlangen Nachthemden, verschlug es den Atem und sie drängten sich Schutz suchend aneinander. Nur Sr. Yolanda war verärgert über die nächtliche Ruhestörung. Sie runzelte die Stirn, schob entschlossen ihre Mitschwestern beiseite und marschierte gar nicht klösterlich zur Putzkammer, um sich dort mit einem Mopp zu bewaffnen. Einen Schrubber drückte sie der Priorin in die zitternde Hand, „Mitkommen!“ lautete der harsche Befehl, „Die anderen runter vor die Treppe! Wer immer das ist, der entkommt uns nicht! – Du, Hildegart, gehst ins Refektorium und rufst die Polizei. Das wollen wir ja mal sehn! An Gespenster glaubt doch kein vernünftiger Mensch!“ Im Sturmschritt, Sr. Agnes am Ärmel ihres Nachthemds hinter sich her ziehend, stürmte sie zur Luke des Dachgeschosses um die Ecke, in den hinteren Teil des Konvents.

Derweil eilte Sr. Hildegart fort und die übrigen Schwestern suchten in der Putzmittelkammer nach weiterer Bewaffnung. Sr. Laurentia ergriff den Zinkeimer, Sr. Caecilia den Abzieher, Sr. Adelheidis die Domestosflasche, Sr. Eleonore eine ausrangierte Klobürste u. die alte Sr. Teresa schnappte sich den Putzmittelwagen als Rollator-Ersatz; den ihren hatte sie doch glatt vor Aufregung in ihrer Zelle stehen lassen und es nicht einmal gemerkt, so behende war sie plötzlich auf den Beinen. Derart bewehrt zog die Kolonne der beherzten Schwestern zur Treppe um unten am ihrem Fuß Aufstellung zu nehmen. Allein Sr. Teresa musste den Putzmittelwagen stehen lassen, da sie zu schwach war ihn zu tragen. Mit dem Adrenalin in ihrem Blut huschte sie jedoch so beweglich die Stufen entlang, dass die Mitschwestern sich nur wundern konnten. 

Ausgestattet mit Klobürste u. Abzieher harrten die Schwestern eng aneinandergedrängt auf das was kommen sollte. Wobei der anfänglichen Furcht nun eine gespannte Erregung folgte. Die eine oder andere Nonne kam sich recht verwegen vor, wie sie da mit dem Putzgeschirr in der Hand im weißen Gewand unten an der Treppe stand. Das war doch mal etwas anderes als immer nur kontemplative Innenschau.

Inzwischen waren Sr. Agnes mit dem Schrubber und Sr. Yolanda mit dem Mopp an der geöffneten Dachluke und den heruntergeklappten Stiegen zum Dachboden angekommen. Von oben schlug ihnen ein Hauch von feuchtem Staub, Taubenschiss und modrigen Möbeln entgegen. Seit Jahren war keine von ihnen mehr da oben gewesen. Jetzt waren wieder ein Scharren zu vernehmen, dann wurde ein Möbel gerückt. Sr. Yolanda packte der Senf, sie holte Luft und brüllte, den Posaunen von Jericho gleich, in die dunkle Lukenöffnung, „Machen Sie, das Sie sofort runter kommen, aber pronto! Ich komm sonst selber hoch und hol Sie! Und bei Gott, das Pugatorium ist nichts dagegen, das sage ich Ihnen. Gog u. Magog sind engelsgleich gegen mich, so wahr ich Yolanda heiße!“ Sr. Agnes erschrak fürchterlich bei dem Gebrüll, oben war es plötzlich mausestill. Nichts regte sich mehr. Sr. Yolanda wippte vor Aufregung mit ihren ausgelatschten Birkenstocks unterm Nachthemd, den Mopp fest umschlossen in der rechten Hand. „Eins!“ brüllte sie jetzt ins Dunkel, „zweeeeeiiiii – wird´s bald?“- „uuuuuuund...“ Auf dem Dachboden rührte sich jetzt etwas, zaghafte Schritte näherten sich der Luke und ein wimmerndes Stimmchen bat flehentlich: „Bitte tun Sie mir nichts. Ich bin nur eine arme verirrte Seele auf der Suche nach dem Allerhöchsten!“ – „Papperlapapp! Aber nicht auf unserem Dachboden, mach, dass du da runter kommst!“, schimpfte Sr. Yolandas Dragonerstimme und sie stampfte mit dem Stiel auf, während Sr. Agnes ihren Schrubber mit ihrer Hand so fest umklammerte als sei es das Heilige Kreuz. Beide schauten aufgeregt nach oben, wer denn nun auftauchen würde. Langsam schob sich ein blondlockiger Haarschopf ins Licht und ein bartloses stark geschminktes Männergesicht zeigte sich. Es folgte der Körper eines untersetzten Mannes in einem antiquierten Pepitakostüm und klobigen Damenschuhen aus den Sechzigern.

Beiden Schwestern klappte die Kinnlade nach unten. Sie hatten alles erwartet, nur keine androgyne Lichtgestalt. Als er, sie, oder sonst was auf der untersten Stufe angekommen war, blieb das Mensch verschüchtert vor den Frauen stehen, schaute beide mit großen braunen Rehaugen an und flüsterte verschämt mit einer Fistelstimme: “Ich bin der Walter, aber sagt lieber Waltraut zu mir.“ Die beiden Nonnen standen fassungslos von Walter oder Waltraut und kämpften mit ihren Gefühlen, die zwischen Erleichterung u. Unglauben schwankten. Als erstes brach sich bei Sr. Agnes die vorangegangene Anspannung durch ein nicht zu kontrollierendes Lachen Bahn, dem ein irres Kichern von Sr. Yolanda folgte. Waltraut stand völlig verdattert vor den beiden, die sich vor Lachen kaum halten konnten. Dann begannen ihm dicke Tränen über die Wangen zu rollen, was das Gegicker der beiden Nonnen nur noch anstachelte.

Irritiert lauschten die Mitschwestern am Fuße der Treppe den seltsamen Geräuschen, die sie in keiner Weise einordnen konnten. Als nun Sr. Agnes und Sr. Yolanda ihr Lachen immer weniger unter Kontrolle hatten, übermannte Walter-Waltraut die Angst und er ergriff die Flucht, nicht ahnend, was ihn am Ende des Ganges um die Ecke erwartete. Tränenüberströmt schuppste er die beiden Schwestern an die Wand, die sich hilflos vor Lachen die Seiten hielten, und rannte so gut es der enge Rock des Pepitakostüms zuließ den Gang entlang zur Treppe, auf deren Absatz der Behelfsrollator von Sr. Eleonore geparkt war. Es war wie in einem billigen Film, Sr. Cäcilia erinnerte sich später an das Geschehen immer wieder gern, wie in Zeitlupe sah sie es vor sich. Walter-Waltraut rannte volle Möhre in den Putzmittelwagen, überschlug sich dabei u. krachte mit Effé auf die Stufen der Treppe. Laut schreiend, als sei der Leibhaftige hinter ihm her, polterte er auf die Schar der erschrockenen Schwestern zu, zu deren Füßen er schmerzvoll stöhnend liegen blieb. Die alte Sr. Eleonore folgte einem spontanem Reflex und trat mit ihrem Pantoffel so kräftig zu wie sie nur konnte, als sei er eine Kakerlake. Die Mitschwestern waren entsetzt, schockiert geradezu, denn so viel Wut hätten sie der sonst stets milden und schon recht klapprigen Eleonore niemals zugetraut. Als diese zu einem weiteren Fußtritt gegen die arme am Boden liegende Waltraut ausholte, riss Sr. Laurentia die alte Mitschwester unsanft zurück. Sie schnaufte wütig, ließ dann aber von Waltraut ab.

Inzwischen waren auch Yolanda und die Priorin mit hochroten Köpfen bei den anderen Schwestern angelangt. Draußen vor dem Konvent ertönte das Martinshorn u. durch die Fenster flackerte der blaue Schimmer des Kojack. Waltraut lag immer noch stöhnend am Boden und hielt sich den Kopf. Ihr Busen aus Tennisbällen war verrutscht u. hing unterm Doppelkinn. Die Nonnen starrten den Eindringling fassungslos und mit nicht wenig mit Abscheu an.

An der Tür des Klosters klopfte es, „Polizei, aufmachen!“, Sr. Hildegard eilte in Pantoffeln durch das Refektorium zur Pforte u. schloss die vielen Riegel auf. Walter-Waltraut hatte sie noch gar nicht wahrgenommen. Zwei Polizisten kamen herein u. schauten sich verdutzt um. Noch nie zuvor hatten sie ein Frauenkloster betreten. Zu ihrer Irritation trugen des weiteren neun Nonnen im Nachtgewand und ein jammerndes Bündel auf dem Fußboden bei. Als Sr. Hildegard den Stöhnenden dort liegen sah, den Busen unterm Doppelkinn, den Rock des Pepitakostüms verrutscht, war sie fassungslos. „Was ist das denn?“ entfuhr es ihr. „Ich wollte doch nur....“, winselte Walter-Waltraut und eine Träne kullert über das Gesicht mit der verschmierten Wimperntusche, als er sich mühsam aufrichtete, „ich wollte doch so gerne einmal Nonne sein und einen Habit haben!“ brach es aus ihm heraus, gefolgt von einem bitterlichen Schluchzen. „Mein Jott!“ Sr. Yolanda verdrehte die Augen gen Himmel, „Wie wäre et denn mal mit Karnevals Wirths in Kölle? Herr im Himmel, jebe er mir Jelassenheit und Jüte, damit ich dieser armen Seele nicht auch noch in den Hintern trete. Die Rache ist mein, spricht der Herr!“ Die Fäuste in die Hüften gestemmt fragte sie, zu den Polizisten gewandt: „Kennt ihr den?“ Achselzucken auf Seiten der Beamten.

Es war schon erbärmlich, wie Walli da zwischen den Nonnen in ihren Schlafhemden saß. Einer der Beamten zückte Notizbuch und Kugelschreiber. Als erstes war der Eindringling dran. Name, Geschlecht, Wohnort, ob er oder sie einen Personalausweis dabei habe, na und so weiter. Eingeschüchtert gab der immer noch am Boden sitzende Walter Auskunft, zwischendurch schnäuzte er sich die Nase in ein feines Taschentüchlein, das er aus einem Kostümärmel gezogen hatte. Der zweite Beamte fragte, ob sie oder er denn nicht mal aufstehen wolle. „Ach Gottchen, dann helfen Sie mir mal mit ihren starken Armen!“ hauchte Walli. Der Beamte verdrehte die Augen und half Walter auf, der sich recht ungeschickt am Beamten festhielt. So aufgerichtet, strich er sich das Pepitakostüm glatt, packte die Tennisbälle wieder an die richtigen Stellen und zupfte die verrutschte Perrücke zurecht. Die Nonnen schauten sich kopfschüttelnd an. Als die Beamten alles aufgenommen hatten, forderten sie das Wesen auf, ins Kommissariat mitzukommen. Der schaute den Beamten mit Augenaufschlag an, „Mit Ihnen gehen ich überall hin!“ Der Beamte kämpfte mit einem Würgereiz. Den Mann im Kostümchen in ihrer Mitte, zogen die Beamten ab in die Nacht. Sr. Hildegard schloss geräuschvoll die Riegel hinter ihnen. „Räumt das Zeug zurück in die Kammer und ab ins Bett, um halb sechs klingelt der Wecker zu Laudes.“ Das Trüppchen schlich die Treppe hinauf zu den Schlafgemächern, räumte alles in den Putzmittelschrank und legte sich wieder hin, kaum eine der Nonnen kam aber zu Ruhe ob der erlebten Aufregung. Nur die alte Sr. Eleonore schlummerte selig lächelnd ein. Es war ein schöner Fußtritt gewesen, dem sie dem Typ da verpasst hatte. Der einzige in ihrem ganzen Leben.





Das Leben ist kein Quadrat


Klaus-Dieter Buss


Der Test lief nicht gut. Er versuchte eine Erklärung. Erkältet sei er, schon seit Tagen,  und einfach nicht klar im Kopf. Er hustete. Der Arzt bat ihn ein Quadrat zu zeichnen. Er tastete nach dem Stift und begann auf der unteren Hälfte des Blattes zu zeichnen.  Mit jedem Strich neigte er sich tiefer zum Papier, besserte nach, machte eine Bemerkung über seine schlechte Brille, bat um ein Taschentuch, schnäuzte sich, verlangte einen anderen Stift. Es dauerte.

Sonnenlicht  fiel durch das Fenster. Rauschen der Straße füllte die Stille. Der Arzt saß ihm gegenüber und machte sich Notizen, blickte auf, schaute hoch zur Uhr, neigte seinen Kopf wieder und schrieb in seinen Block. Im Vorzimmer klingelte das Telefon. An der Wand tickte die Uhr.

Er kann kein Quadrat mehr zeichnen. Seine Schwester erschrak. Sie saß abseits von ihm in der Ecke mit gefalteten Händen im Schoß.

Vor einem Monat hatte ihr Bruder angerufen und gefragt, ob sie ihn zu einem Test begleiten wolle. Das sei sicherlich interessant für sie als Krankenpflegerin. Der Anruf hatte sie verwirrt. Noch nie hatte ihr Bruder sie eingeladen zu irgendetwas oder gar um Hilfe gebeten. Was ist das für ein Test und wo findet er statt, hatte sie ihn gefragt. Er war zögerlich gewesen mit einer Antwort und hatte Andeutungen gemacht, als ginge es um eine Fortbildung für sie. Lange hatte es gedauert, bis er ihr den Namen des Arztes und den Termin nennen konnte. Er scherzte über seine Zettelwirtschaft auf dem Schreibtisch: Du weiß ja, wie ich bin!  Als sie dann in der Praxis anrief, um mehr zu erfahren, sagte man ihr, der Termin sei eine Woche früher. Schon zwei Mal hätte ihr Bruder den Termin vergessen.

Es gibt ja auch niemanden, der ihn hätte erinnern können, dachte sie. Dreiundfünfzig Jahre war er alt und lebte schon lange allein. Verheiratet war er mit seiner Arbeit. Das Ingenieurbüro, für das er gearbeitet hatte, pleite. Seit einiger Zeit war er arbeitslos. In den ersten Wochen hatte er am Telefon geschwärmt, wie schön es sei, frei zu haben und alles erledigen zu können, was liegen geblieben war in den letzten Monaten. Endlich könne ausschlafen nach all dem Stress. Nach einem halben Jahr schwärmte er nicht mehr. 

Ihr Bruder, der Ingenieur, versuchte ein Quadrat zu zeichnen. Die Uhr tickte. Der Arzt machte sich Notizen. Sie saß in der Ecke mit gefalteten Händen.

Er ist altgeworden, dachte sie, die Haare grau und schütter, das Kreuz schmal und die Schultern hochgezogen. Seine Nase war gerötet von einem pickeligen Ausschlag, das Gesicht unrasiert. Sein ungebügeltes Hemd hatte einen Fleck. Hätte sie etwas sagen sollen zu dem Hemd, als sie am Morgen seine Wohnung verließen?  

Die Zeit war um. Der Arzt entzog ihm das Blatt unter dem Stift. Ihr Bruder schaute hilflos im Raum umher als suchte er Verbündete gegen den Arzt. Seine Lippen formten sich zu einem gequälten Lächeln. Zeichnen habe ich im Studium gelernt, sagte er.

Der Arzt begutachtete die krummen Striche, warf einen Blick zur Schwester hinüber und legte das Blatt zur Seite.

- Zuletzt bin ich in einer Führungsposition gewesen, Abteilungsleiter in einem renommierten Ingenieurbüro. Große anspruchsvolle Projekte habe ich betreut. Gezeichnet haben meine Mitarbeiter, natürlich am Computer. Ich selbst zeichne schon lange nicht mehr, bin völlig aus der Übung. Die Fischaufstiegsanlage an der Weser, die habe ich geplant. Einmaliges Projekt in Deutschland. Die Fischaufstiegsanlage bei Bremen. Sie haben bestimmt davon gehört?

Der Arzt hörte nicht zu. Seine Schwester hörte ihn. Ihre gefalteten Hände zuckten bei dem Wort. Fischaufstiegsanlage. Sie konnte das Wort nicht mehr ertragen. Wann immer sie ihren Bruder sah, es war nicht oft in den letzten Jahren, redete er von der Fischaufstiegsanlage, andauernd, ohne Punkt und Komma. Heldengeschichten. Sie selbst kam kaum zu Wort. Und wenn, dann beachtete er sie nicht.

Er war der Erfolgreiche in der Großstadt. Sie war Krankenpflegerin, Hausfrau, Ehefrau und Mutter von zwei Kindern. Kleines Haus am Rande einer kleinen Stadt.   Er war stark, arbeitete bis in die Nacht und hatte mit bedeutenden Leuten zu tun. Sie brauchte Hilfe wegen der Alpträume in der Nacht.

An einem Abend nach einer Flasche Rotwein erzählte sie ihm davon, von den Ängsten, die ihr den Schlaf raubten und der Therapie, die sie machte. Er spottete bloß über die Seelenklempner, die selbst den größten Schaden hätten. Er hatte ihr Sport empfohlen.- Das hilft! Wissenschaftlich erwiesen! Er selbst würde auch Sport treiben und wäre im Kopf fit wie ein Turnschuh.

Lösungen, er hatte immer schnelle Lösungen. Sie wollte keine Lösungen. Sie hörte auf, ihm von ihrem Alltag zu erzählen. Wenn er wieder zurück fuhr in die Großstadt, zurück zu seiner Fischaufstiegsanlage, spürte sie Erleichterung. Die Erleichterung machte ihr Gewissen schwer. Er ist doch mein Bruder!

Der Arzt machte weitere Tests. Sie fielen alle schlecht aus. Dann war es vorbei. - Heute ist wohl nicht mein Tag, sagte er kleinlaut, als würde er mit sich selbst sprechen. Seine Hände lagen schlaff auf den Tisch, der Kopf war leicht geneigt, der Rücken zum Buckel gekrümmt.

Man bat beide, nach nebenan ins Wartezimmer zu gehen. Sie stand auf, ihr Bruder blieb regungslos sitzen. Sie ging zu ihm und berührte mit den Fingerspitzen seine Schulter. Ruckartig hob er den Kopf. - Der Test ist vorbei. Wir sollen ins Wartezimmer gehen. - Alles klar! Er sprang auf und sie verließen den Raum. 

Sie wusste nicht, ob es diese Krankheit war. Sie arbeitete auf einer Kinderstation. Aber ihr Bruder zeigte deutliche Anzeichen der Verwirrung und des Vergessens. Auf dem Familientreffen vor einigen Monaten hatten seine Nichten und Neffen noch über Macken des Onkels Witze gemacht. Es wurde viel gelacht. Niemand in der Familie hatte einen ernsthaften Verdacht gewagt. Kein Wunder, er war noch zu jung.

Was soll nun aus ihm werden? überlegte sie. Er wird nicht mehr arbeiten können. Hat er eine Versicherung? Er wird nicht mehr alleine leben können. Wer wird sich um ihn kümmern? Muss ich mich jetzt um ihn kümmern? Sie wollte zur Toilette und stand auf. Der Bruder erschrak. Wo gehst du hin? -  Zur Toilette. Ich bin gleich wieder da. - Ah, sagte er und lehnte sich beruhigt zurück.

Im Spiegel über dem Waschbecken sah sie dass ihre Wimpertusche verlaufen war. Sie kramte eilig ein Taschentuch heraus und tupfte die Augen trocken.

Der Arzt rief sie zurück ins Sprechzimmer, bat beide Platz zu nehmen und fasste die Ergebnisse zusammen. Es gäbe Anzeichen von Alzheimer oder Demenz. Doch Endgültiges könne noch nicht gesagt werden. Weitere Untersuchungen seien notwendig. Er ließ durchklingen, dass nach seiner Einschätzung an eine Tätigkeit als Ingenieur im Moment nicht zu denken sei und schloss seine Rede ab: Ihr Hausarzt bekommt einen detaillierten Bericht, wird alles mit ihm besprechen und zusätzliche Untersuchungen empfehlen.

Ihr Bruder saß gerade auf dem Stuhl und hörte aufmerksam zu. Im Moment bin ich sowieso arbeitslos, antwortete er überraschend gut gelaunt. Sie können mich ruhig ein paar Wochen krankschreiben.

Er bedankte sich bei dem Arzt für seine Bemühungen, machte eine Bemerkung über das Wetter und drückte sein Bedauern aus, dass der Arzt jetzt in seinem Sprechzimmer sitzen müsse, wo doch die Sonne schien. Abrupt stand er auf und hielt dem Arzt die Hand hin. Der warf der Schwester einen Blick zu. Dann stand auch er auf hinter seinem Schreibtisch, reichte ihnen die Hand und verabschiedete sich. Sie verließen die Praxis, gingen die Treppe hinunter und öffneten die Tür zur Straße. Lärm überflutete sie.

Das war doch bestimmt interessant für dich als Kranken-pflegerin, sagte er. Diese Tests sind wirklich genial. Der Arzt hat das richtig gut gemacht.

Sie nickte.





Die Entscheidung


Claudia Guggenbühl


Über Alpweiden und an goldenen Lärchen vorbei stiegen sie den Berg hinauf. Die Frau trug das Kind auf dem Rücken, der dunkelhäutige Mann war ihnen immer ein paar Schritte voraus. Schon von weitem hatten sie die rot-weisse Fahne gesehen, die das Gasthaus ankündigte, und sie beschlossen, einzukehren.

Der Mann hob die Kleine vorsichtig aus dem Tragetuch und setzte sich auf eine der langen Bänke vor dem Holztisch, während die Frau die verschwitzte Stoffbahn abwickelte und sich ihm gegenüber niederließ.

Sie blinzelte ins helle Licht und atmete die klare Luft tief ein und aus. Ihr Herzschlag beruhigte sich. Alles wird gut, dachte sie, und betrachtete den jungen Vater, der lachend einen Keks nach dem anderen bald nah bald weiter entfernt vor dem Gesicht seines Töchterchens kreisen liess. Die Händchen der Kleinen ruderten der Süssigkeit hinterher, bis sie sie endlich packen und rasch zum Mund führen konnten.

Da saßen sie, ihr Geliebter und das Kind ihrer Sehnsucht. Sie fühlte, wie ihr Herz weit und warm wurde. Und gerade, als er einen weiteren Keks hervorholen wollte, neigte sie sich über die Tischplatte, griff nach seiner Hand und presste diese so stark gegen ihre Stirne, dass es schmerzte. Lieber Gott, bitte, bitte, bitte! Aber da hatte er ihr die Hand schon entzogen und kramte in seinem Rucksack.

Die Bedienung trat an den Tisch. Sie bestellte ein großes Mineralwasser, er verlangte ein Bier und einen doppelten Enzian. Etwas in ihrem Inneren zog sich zusammen. Sie wandte sich ab und blickte ins Tal hinunter. Wie konnte es sein, dass die weitläufige Klosteranlage mit Kirche, Friedhof und Nebengebäuden fast ebenso viel Platz beanspruchte wie das Dorf, das eng und verwinkelt talauswärts lag?

Durch einen Tränenschleier nahm sie wahr, wie die Getränke gebracht wurden. Seine dunklen Augen blitzten, als er nach dem Schnapsglas griff und es in einem Zug leerte; er schüttelte seine schwarzen Locken und schaute  triumphierend umher. Sein ganzes Wesen strahlte Kraft und Lebendigkeit aus. Er war schön. Wie sehr liebte sie diesen Mann – und wie sehr graute ihr vor ihm!

Er kannte Mumbai wie nur wenige und hatte sie durch die Millionenstadt geführt. Blindlings war sie ihm gefolgt, den Rücken seines weissen Hemdes stets vor Augen. Er war ihr Fixstern im fremden Universum gewesen. Dank ihm hatte sie sich unbeschwert der Fülle des Lebens hingeben können, die sich in tausenderlei Farben, Formen, Geräuschen und Gerüchen um sie herum entfaltete. Sie vertraute ihm. Einmal hatten sie sich den Strand entlang immer weiter von den Lichtern eines Dorfes entfernt, geradewegs hinein in eine pechschwarze Nacht, in der es nichts gab ausser dem tosenden Donnern des Meeres. Obwohl ihre nackten Füsse auf dem nasskalten Sand stets vorwärts gegangen waren, wusste sie bald nicht mehr, wo oben und unten, vorne und hinten war. Wären ihre Finger nicht fest mit den seinen verschlungen gewesen, hätte sie von Panik übermannt zurücklaufen müssen. Und jener unvergessliche Tag, an dem sie uralte Höhlentempel besucht hatten. Kenntnisreich und eloquent wie es seine Art war, erklärte er ihr Geschichte und Kunst des Ortes. Irgendwann hatten sie im Halbdunkel vor einem überlebensgrossen Buddha gestanden, reglos und still, bis etwas in ihnen beiden aufwallte, das ihre Körper erzittern und Tränen über ihre Wangen strömen liess. Mit ihm war sie im Himmel gewesen, aber er hatte auch das Tor zur Hölle aufgestossen.

„Hey!“ Sie schrak auf. „Ich habe Hunger“, sagte er und streckte ihr die Karte hin. Nachdem sie für ihn die Namen der wenigen Speisen übersetzt hatte, wählte er die überbackene Käseschnitte. „Möchtest du nicht auch etwas?“ Sie schüttelte den Kopf. Er ass schnell und schweigend.

Es wurde Zeit aufzubrechen. Die Frau bezahlte, steckte den Geldbeutel in den Rucksack, band sich das Tragetuch wieder um. Wortlos begannen sie den Abstieg. Obwohl er nur seine indischen Sandalen anhatte, ging er auch diesmal leichtfüssig vorneweg. Sie hielt ihren Blick auf seine kräftigen braunen Füße gerichtet und dachte an die Zeit in Mumbai. Alles war anders gekommen als sie es sich erträumt hatte.

Die tiefstehende Sonne wärmte ihre Gesichter und die Kleine quietschte jedes Mal vor Freude, wenn sie durch einen besonders schwungvollen Schritt ihrer Mutter fast in die Luft geworfen wurde und einen Moment lang im Tuch schwebte. Der Talkessel lag schon tief im Schatten. Als der Pfad in den Wald einbog, tanzten Staub und winzige Mücken in den letzten Sonnenstrahlen, die durch das nackte Geäst der Bäume fielen. Dann wurde es dunkel und feuchte Kälte umfing sie. Ihre Füsse versanken knöcheltief in modrigem Laub. Sie gingen schneller.

Vor der Pension drehte er sich um, sagte „Ich bin gleich zurück“ und verschwand. Sie trat ein, grüsste die Frau an der Rezeption und stieg langsam die schiefen, von einem abgetretenen Läufer bedeckten Stufen hoch. Das alte Holz knarrte unter ihren Tritten. Zum ersten Mal beachtete sie die kleinen Bilder an den Wänden: ein Junge, der im Heu eingeschlafen war, eine Frau, die im Schein einer Petrollampe strickte, ein Paar, das in einer einfachen Bauernstube den Heiratsvertrag unterschrieb. Sie blieb einen Moment stehen, hielt sich am Geländer fest und presste die Lippen aufeinander. Dann ging sie mit gesenktem Blick weiter.

Das Zimmer war klein und gemütlich. Sie löste das Baby aus dem Tuch, legte es auf die karierte Bettdecke und stellte ihre Bergschuhe neben die Kommode. Das Kind strahlte und streckte ihr seine Ärmchen entgegen. Sie trat ans Bett, beugte sich hinab, küsste und herzte es und hielt ihm dann einen Ring aus bunten Holzkugeln hin. Nachdem sie es gewickelt hatte, sank sie neben ihm auf die Matratze. Sie war schon eingedöst, als die Türe aufging.

Schläfrig öffnete sie die Augen und sah den Rucksack in seiner Hand. Glas schlug gegen Glas. Oh nein, bitte nicht! flehte sie stumm. Sie hörte, wie er die Flaschen auf den Tisch stellte. Langsam setzte sie sich im Bett auf. Rotwein und Wodka. Die Fortsetzung kannte sie.

„Nun mach doch nicht gleich ein solches Gesicht!“ sagte er und klappte den Korkenzieher seines Taschenmessers auf. „Gönnst du mir denn gar keine Freude?“ – „Das ist mein Geld!“ antwortete sie. „Ach, ihr Europäer mit eurem Mein und Dein! Es ist unser Geld, verstehst du? Wir gehören zusammen, also ist dein Geld auch meines.“ Er packte die entkorkte Weinflasche, holte ein Zahnputzglas aus dem Badezimmer, stülpte es über den Flaschenhals und öffnete die Balkontür. Dann zog er den Reissverschluss seiner Jacke hoch, trat hinaus in die Dunkelheit und zog die Türe hinter sich zu.

Sie war allein. Das Baby schlief friedlich. Jedes Mal, wenn sie es ansah, bildete sich ein Kloß in ihrem Hals. Sie hatte noch die Stimme der indischen Grossmutter im Ohr, die ihr versichert hatte, ihr Sohn würde sich nun ändern, ganz bestimmt, ein neues Leben würde er beginnen, mit Frau und Kind. Das war auch ihre Hoffnung gewesen. Wenn schon nicht für sie, dann wenigstens für die Kleine! Inzwischen aber hatte sie begriffen, dass er weder bereit war, den Kampf gegen seinen Dämon zu führen, noch überhaupt die Notwendigkeit einer solchen Auseinandersetzung einsah. Er fand, sie übertreibe masslos, angesichts der Tatsache, dass er doch alles im Griff habe.

Er blieb auf dem Balkon im Dunkeln. Sie begann zu lesen. Später versuchte sie zu schlafen. Er war nur hereingekommen, um die zweite Flasche zu holen.

Mitten in der Nacht spürte sie, wie er sich schwerfällig neben sie legte. Er schlang seine Arme um sie und drückte sie an sich. Sie erstarrte. Dieser grabschende, lallende Mann war ihr zutiefst zuwider. „Geh weg“ sagte sie und stiess ihn von sich. Da liess er von ihr ab, stand auf und torkelte ins Bad. Matt schlief sie wieder ein.

Plötzlich wurde sie hellwach. Es roch säuerlich. Der Platz neben ihr war leer. Sie knipste die Nachttischlampe an und stand auf. Ihr Geliebter lag unter dem Tisch, Erbrochenes auf dem Boden, in seinen Haaren, auf der Jacke und schnarchte mit aufgedunsenem Gesicht. War das derselbe Mann, dessen sprühender Geist sie so fasziniert, dessen geschmeidiger Körper sie so unwiderstehlich angezogen hatte?

Bei seinem Anblick durchfuhr es sie und sie erkannte mit plötzlicher Gewissheit: „Nie, nie, nie wird meine Kleine ihren Vater so sehen, nie!“ Ihr Entschluss stand fest.

Die Pensionswirtin deckte gerade die Frühstückstische, als die Frau langsam die Treppe hinunter stieg. Das Kind im Tuch vor ihrer Brust schlief. Sie bezahlte die Rechnung, nahm den Koffer und trat hinaus in den nebelgrauen Morgen.





Geschwister


Ute Knierim


Sie war deutlich zu früh dran. Und sie war sehr nervös, als sie sich an den Ecktisch in dem verabredeten Café setzte. Von hier aus hatte sie einen guten Blick auf den Eingang. Ob sie ihn sofort wiedererkennen würde?

Wie hatte es nur dazu kommen können, dass sie ihn, der ihr einmal so nah und vertraut gewesen war, vollkommen aus den Augen verloren hatte? Dabei hatte er mit ihrem Zerwürfnis mit den Eltern nur wenig zu tun gehabt. Nicht er, sondern sie waren es gewesen, die ihr das Gefühl gegeben hatten, dass neben Musik nichts wirklich von Bedeutung ist; und dass ihr nicht nur jegliche Musikalität fehlt, sondern sie damit auch zu einem vollkommen uninteressanten Menschen wurde. Alles hatte um das örtliche Symphonieorchester gekreist, dem die Eltern angehörten, um die große Zukunft ihres Bruders und die Förderung seines Talents, um Qualitäten und Unzulänglichkeiten von Aufführungen und Musikern, die man angeblich kennen musste. Das alles interessierte sie nicht und schloss sie gleichzeitig gnadenlos aus, kränkte und bedrängte sie. Als ihr Bruder sie noch dazu allein gelassen hatte und in die USA verschwunden war - er hatte ein Hochbegabtenstipendium für ein angesehenes Musikinternat erhalten - musste auch sie dringend weg aus diesem Elternhaus, das ihr die Luft zum Atmen nahm. Es schien damals eine Frage des Überlebens. Nur schmerzte es sie noch jetzt, nach über zehn Jahren, wenn sie an das Unverständnis ihrer Eltern dachte, daran, wie ein Wort das andere gegeben hatte und es dann zum vollständigen Bruch kam. Und auch das gegenseitige geschwisterliche Versprechen „wir bleiben in Kontakt“ blieb uneingelöst. Wie ein Mahlstrom hatten sie die Ereignisse ergriffen. Immer gab es etwas viel Wichtigeres zu tun als alte Freundschaften und verwandtschaftliche Beziehungen zu pflegen, und bei ihrem Bruder war es offenbar genauso gewesen.

Niemals hätte sie sich träumen lassen, dass ihr irgendjemand in irgendeiner Hinsicht Talent bescheinigen würde. Aber sie war tatsächlich „entdeckt“ worden, mitten in einem Praktikum ihrer Journalistenausbildung. Sie hatte eine erstaunliche Bildschirmpräsenz, eine gute Sprechstimme und war wortgewandt - und schon steckte sie mittendrin in einer steilen Karriere als TV-Moderatorin. Sicherlich, dazu gehörte auch, dass sie gerade die richtigen Leute zur richtigen Zeit kannte und ihr soziales Netz beständig erweiterte. Inzwischen hatte sie schon mit vielen Großen und Berühmten in ihrem eigenen Talkshow-Format geplaudert und die Einschaltquoten waren so, dass der Sender zufrieden war.

Schon verrückt, alles hatte sich gedreht. Nun war sie die Erfolgreiche und aus den hochfliegenden Plänen ihres Bruders war offensichtlich nichts geworden. Sie wusste noch nicht einmal, womit er seinen Lebensunterhalt verdiente. Jedenfalls war von einem großen Konzertpianisten namens Robert Piroschke weit und breit nichts zu hören - und das bei seinem überragenden Talent. Was war nur passiert? Wie musste er sich als gescheiterte Existenz ihr gegenüber fühlen? Ehrlich gesagt war auch das einer der Gründe, warum sie nie mehr Kontakt zu ihm gesucht hatte. Was sollte sie erzählen aus ihrem erfolgreichen Leben, was ihn nicht schmerzen würde? Aber nun war er es gewesen, der Kontakt aufgenommen hatte. Per Email hatte er vorgeschlagen, sich doch einmal zu treffen, wenn sie ohnehin in diese Stadt käme.

Sie schaute auf die Uhr. Gleich musste er kommen. Vor ihr auf dem Tisch stand schon der zweite Kaffee und sie hatte sich eine Kleinigkeit zu Essen bestellt. Dieses Café, das ihr Bruder als Treffpunkt genannt hatte, war von angenehmer Atmosphäre - nicht zu plüschig, aber doch bequem mit roten Samtsofas und einem leichten Jugendstilanklang. Seinen guten Geschmack hatte Robert also nicht verloren. Durch die großen Fenster zur belebten Straße hin fiel nur noch dämmriges Licht, aber Kronleuchter an der Decke sorgten für warme Beleuchtung. Das Café war recht gut besucht. Das gedämpfte Stimmengewirr der Gäste zusammen mit dem köstlichen Duft nach Kaffee und Backwerk hatten eine beruhigende Wirkung auf sie. Sie fühlte sich mit sich allein, durch niemanden belästigt, und gleichzeitig geborgen in der Gemeinschaft der Kaffeehausbesucher. An manchen Tischen saßen ebenfalls einzelne Personen, meist Zeitung lesend. Eine Frau schräg gegenüber tippte konzentriert und ohne Pause etwas in ein Notebook. Die schwarz-weiß gekleideten Kellner gaben der Szenerie Stil und Bewegung, die bei aller Zufälligkeit trotzdem geordnet erschien. Sie rührte in ihrer Tasse und spürte deutlich die weichen Polster unter sich, spürte, wie sich ihre Gesichtsmuskulatur lockerte, zumindest ein wenig. Sie hatte wieder einen sehr anstrengenden Tag gehabt. Aus aktuellem Anlass hatten die Aufnahmen heute im Hauptstadtstudio stattgefunden. Wie immer war sie hundertprozentig vorbereitet und präsent gewesen. Die paar kleinen Patzer würden niemandem wirklich auffallen, damit hatte sie gelernt umzugehen und zu leben. Nun wollte die Anspannung des Tages endlich von ihr abfallen. Aber ein Knotengefühl in ihrer Mitte bestand darauf, dass dies eben kein normaler Feierabend war. Heute sollte es um eine Angelegenheit gehen, die sie über zehn Jahre einfach aus ihrem Leben verdrängt hatte

In diesem Moment öffnete sich wieder einmal die Eingangstür des Cafés und ein heißer Schreck durchzuckte sie. Dort kam ihr Bruder. Älter natürlich, aber unverwechselbar. Er trug die Haare immer noch lang, zusammengebunden in einem Pferdeschwanz. Seine schwarze Phase hatte er offenbar überwunden; tatsächlich war er recht unauffällig in eine graue Cordhose und einen blauen kurzen Wollmantel gekleidet. Seine Brille beschlug, er setzte er sie ab und schaute sich etwas kurzsichtig im Café um. Dann erblickte seine Schwester aber schnell und kam zielstrebig auf sie zu. Sie stand auf, er legte seine Brille auf den Tisch und einen Augenblick lang standen sie sich unschlüssig und etwas verlegen gegenüber. Dann breitete er seine Arme aus und umfing sie mit einer brüderlichen, warmen Umarmung. Wie fremd und wie gut sich das anfühlte. Sie setzten sich gegenüber und tauschten ein paar Belanglosigkeiten aus. Er bestellte Tee und sie konnte ihn in Ruhe betrachten.

Robert war immer noch sehr schlank und wirkte ein bisschen wie nicht von dieser Welt, aber eine neue Qualität war hinzugekommen, eine Ruhe, eine Festigkeit, die sie nicht von ihm kannte und überhaupt selten bei einer Person erlebt hatte. Das war eindeutig keine gescheiterte Existenz, die ihr da gegenüber saß. Erleichterung breitete sich in ihr aus. Aber wo anfangen? So viele Themen standen zwischen ihnen. Auch er schaute sie aufmerksam an und sagte nach einer Weile: „Gut, wieder eine große Schwester zu haben!“ Tränen stiegen mit Macht in ihr auf und sie widmete sich intensiv ihrem Gemüsestrudel, bis sie sich wieder im Griff hatte. Und dann überschlug sich ihr Gespräch geradezu. Sie erzählte von der schweren Zeit nach ihrem Auszug von zu Hause, wie sie verschiedenste Ausbildungen angefangen und bald wieder abgebrochen hatte, immer auf der Suche nach etwas, was sie ebenso erfüllen würde wie die Musik den Rest ihrer Familie erfüllte. Dann die ungeheure Dynamik, die eingesetzt hatte, als sie in die Welt des Fernsehens eintauchte, die Atemlosigkeit, die adrenalingesättigte Geschäftigkeit, mit ihr mittendrin; dieses Gefühl wichtig zu sein, am Puls der Zeit zu leben, von so vielen gesehen zu werden.

Mitten in diesem Redestrom räusperte sich eine ältere, elegant gekleidete Frau, die an den Tisch getreten war. Sie fragte, „Entschuldigung, Sie sind doch Sarah Piroschke, nicht wahr? Könnten Sie mir wohl ein Autogramm für meine Tochter geben? Sie ist ein großer Fan von Ihnen.“ Sarah schrieb etwas auf einen Bierdeckel und überreichte ihn mit ein paar freundlichen Worten der Frau. „Aha“, meinte Robert, „du bist also richtig prominent; dachte ich mir schon, bei allem, was man so über Dich im Internet findet.“ Lag da Neid in seinem Blick? Sie war sich nicht sicher. „Hast du denn meine Talkshow noch nicht gesehen?“ „Du, ich sehe praktisch kein Fernsehen. Und mit zwei kleinen Kindern und einer Musikschule im Aufbau hatte ich die letzten Jahre so viel um die Ohren dass ich vieles schlicht nicht mitbekommen habe.“

So, er hatte also Familie und das schon so früh - er, der einmal wie ein Eremit gelebt hatte. Und sie? - Es hatte sich einfach nicht ergeben. Bisher hatte sie noch keinen Mann für mehr als ein paar Monate gefunden. Die Szene, in der sie sich bewegte, war so schnelllebig und sie hatte auch immer so viel zu tun. Nein, im Moment konnte sie sich nicht vorstellen wie das mit Kindern funktionieren könnte. Aber ein leichter Schmerz war da schon. Ihre Familie waren halt ihre Kolleginnen und Kollegen - wobei man genau wie in einer richtigen Familie immer ein wenig auf der Hut bleiben musste, was man wem besser nicht anvertraut.

„Aber nun erzähl doch, wie ist es dir in den USA ergangen?“ fragte sie. „Tja“, begann Robert und faltete die Hände vor sich auf dem Tisch, „es war ein Wechselbad der Gefühle. Am Anfang hatte ich heftiges Heimweh. Aber ich war auch überwältigt von der Professionalität und den Möglichkeiten, die uns im College geboten wurden und ich lebte mich nach und nach ein. Nur war ich auf einmal nicht mehr das Genie, sondern einer von ganz vielen. Und ich fand, dass die anderen alle mehr drauf hatten als ich. Es war ein fürchterliches Geacker, und es war total erhebend, aber irgendwann konnte ich in der andauernden Konkurrenz, im ständigen Streben nach Schneller, Perfekter, Ausdrucksstärker keinen Sinn mehr sehen, in dieser Gier nach Beifall. Nach drei Jahren bin ich ausgestiegen, bin durch die Welt getingelt, ausgebrannt, orientierungslos. Langsam wurde mir dann aber klar, was mir wirklich wichtig ist. Es ist einfach so: Musik ist mein Lebenselixier. Nur, ich brauche keine große Bühne. Der Preis ist mir einfach zu hoch. Weißt du noch, Sarah, wie wir früher zu Hause gemeinsam musiziert haben?“ Oh ja, sie erinnerte sich noch sehr gut daran, wie sie sich immer ausgeschlossen gefühlt hatte und neidisch wurde, wenn Robert und die Eltern im gemeinsamen Spiel spürbar miteinander verschmolzen. Aber sie nickte nur. „Es geht um das Gefühl, die Freude, die Musik hervorbringen kann“, fuhr er mit glühenden Wangen fort, „und ich habe gemerkt, dass ich das gerne an andere weitergebe. Natürlich mache ich auch noch selbst Musik, habe den Jazz für mich entdeckt, spiele in einem Klaviertrio, aber das bringt nicht viel ein und muss es auch nicht. Von der Musikschule können wir so einigermaßen leben. Hier in Berlin ist die Nachfrage groß genug.“

Und schon wieder fand Sarah, dass Robert etwas hatte, das sie nicht hatte, sich aber wünschte: Klarheit und Erfülltheit. Hörte das denn niemals auf? Sie wusste selbst, dass es nicht angemessen war, aber sie wurde ungehalten. Sie schaute auf ihre Uhr. „Robert, so schön es ist, mit dir zu reden, aber ich habe noch einen Termin heute Abend. Ich würde nur noch gerne wissen, warum du dich eigentlich jetzt bei mir gemeldet hast und warum wir uns nicht bei dir zu Hause treffen konnten.“ Ihr Bruder war durch die plötzliche Stimmungsschwankung sichtlich irritiert. „Zu deiner letzten Frage,“ sagte er mit angespannter Stimme, „wir haben nur eine ziemlich kleine Wohnung mit zwei sehr lebhaften kleinen Kindern. Du kannst Dir bestimmt vorstellen, dass ich mir das erste Treffen mit meiner Schwester, die vor über zehn Jahren aus unerfindlichen Gründen den Kontakt zu mir abgebrochen hat, an einem ruhigeren Ort wünschte.“ -  „Was, ich soll den Kontakt zu dir abgebrochen haben? Wir haben uns doch beide nicht gemeldet!“ protestierte Sarah. - „Von wegen, ich habe mehrfach geschrieben, aber nie eine Antwort von Dir bekommen.“

Beide Geschwister waren aufgebracht. „An welche Adresse hast Du denn geschrieben?“ „Na, an die Wohngemeinschaft, in die Du gezogen bist.“ - „Aber da habe ich doch nur drei Wochen gewohnt!“ - „Und woher sollte ich das wissen?“ fragte er. Sie sahen sich fassungslos an. Dieses kleine Problem sollte der Grund für die jahrelange Funkstille gewesen sein? „Und um deine erste Frage zu beantworten,“ fuhr Robert fort, „ich habe nach dir im Internet gesucht, weil ich endlich meine Familie wiederhaben will. Unsere lieben Eltern haben sich auch von mir losgesagt, nachdem ich das College in den Staaten geschmissen hatte.“ Eine Gänsehaut breitete sich über ihren Rücken aus. Robert beugte sich vor, sah sie an und sagte nachdrücklich: „Sarah, das Ganze ist doch Wahnsinn. Wir sind schließlich erwachsene Menschen. Meine Kinder sollen auch von meiner Seite Großeltern und eine Tante haben. Ich wollte dich bitten, mit mir gemeinsam den Versuch zu machen, Frieden mit unseren Eltern zu schließen.“ Sarah malte mit dem Zeigefinger Schlangenlinien auf den Tisch und atmete hörbar aus. „Nimm’s mir nicht übel, Robert, aber das alles muss ich erst mal verdauen. Ich kann dir unmöglich sofort eine Antwort geben. Ich melde mich bald bei dir, ganz sicher, und inzwischen hast du ja auch meine Emailadresse, also gehen wir uns nicht mehr verloren.“ Er schaute sie enttäuscht an, sagte aber nichts. Sie winkte den Kellner heran, bezahlte, umarmte ihren Bruder flüchtig und verließ eilig das Café.





Erleuchtung


Theodor Grope-Ruyken


Die Nacht war sternenklar. Selbst in der Stadt konnte man die einzelnen Sternbilder deutlich sehen. Die Lichter der Stadt ließen den Himmel nicht verblassen, denn es gab keine. Alles war verdunkelt. Nur der Mond spendete etwas Licht. Gerade soviel, dass ich die wenigen Menschen auf der Straße wie Schatten vorbeihuschen sah. Ein Hauch von Lindenblüten wehte von der Allee herauf. Zu einer anderen Zeit wäre diese Nacht wie geschaffen für Verliebte.

Mit einem Glas Rotwein stand ich am offenen Fenster meiner Bibliothek im ersten Stock des Pfarrhauses. Tief sog ich die blütenduftgeschwängerte Nachtluft ein. Wie liebte ich diese lauen Juninächte. Nur das Radio leistete mir heute Abend Gesellschaft. Beethovens Sechste stand auf dem Programm. Furtwängler dirigierte die Berliner Philharmoniker. Wie er es immer wieder schaffte sphärische Leichtigkeit mit irdischer Präsenz zu einem erhebenden Schöpfungsakt zu verbinden! Er war ein Begnadeter. Zweiter Satz - die Nachtigall flötete ihr hohes Lied und trug mich auf ihren melodischen Schwingen mit hinauf.

Jäh wurde ich aus meinen Träumereien gerissen. Die Meldung von anfliegenden Bomberverbänden über dem Kanal brachte den Krieg wieder in Erinnerung. Ein mulmiges Gefühl breitete sich in mir aus. Wann sind wir dran? Ich lauschte in die Nacht. Alles war still am Himmel. Nur die gedämpften Laute der Straße drangen herauf. Leise und geduckt lag die Stadt in gespannter Erwartung.

Dann: "Bomberverbände im Anflug auf den Raum Würzburg". Die Warnung schreckte mich auf. Sirenen heulten ihr Lied vom Tod. Suchscheinwerfer streckten ihre Leuchtfinger in den Himmel. Auf der Straße wurde es lebhafter. In routinierter Eile suchten die Menschen ihre Schutzräume auf, bepackt mit wenigen Habseligkeiten. Ab und zu weinten Kinder.

Sollte ich auch in den Luftschutzbunker gehen, zu meiner Herde, Beistand leisten, Trost spenden? Irgendetwas ließ mich zögern. Und plötzlich fingen meine Beine an zu laufen. Die Treppe hinunter. Im Vorbeieilen griffen die Finger nach dem Schlüsselbund auf der Kommode - zur Türe hinaus, ein paar hundert Meter die dunkle Straße entlang, dann ums Eck. Da stand sie vor mir, meine Kirche, unerschütterlich, ein Bollwerk gegen das Böse, seit Jahrhunderten.

Die Kirche war leer. Ich hastete zum Altarraum. Zittrige Finger versuchten den Tabernakel zu öffnen. Endlich. Beide Hände umfassten die Monstranz. Heilige Scheu ergriff mich. Die Hände glühten. Mit aller Willenskraft gelang es mir die Kostbarkeit aus Gold und Bergkristall dem Allerheiligsten zu entnehmen. Dann den Kelch und zuletzt die goldene Schale mit dem Leib Christi. Vorsichtig wickelte ich die Insignien unseres Glaubens in das Altartuch, verknotete es. Neben dem Bündel kniete ich vor dem Altar und betete.

Leises Brummen von Flugzeugmotoren drang an mein Ohr. Bisher waren sie nie bis zum Zentrum vorgedrungen. Die Industriegebiete lagen im Norden. Unsicher verharrte ich einen Moment. Das Licht der ersten Christbäume, die sie immer für die anfliegenden Bomber abwarfen, drang durch die bunten Fenster der Kirche. Ich schaute mich um. Fast teuflisch kam mir das bizarr tanzende Lichtspiel an den Wänden vor. Mich schauderte. Für den Bruchteil einer Sekunde traf ein gleißender Lichtstrahl den Altar. Etwas Goldenes blitze auf. Mein Gott! Das Buch! Ehrfürchtig nahm ich die alte Bibel auf, packte das Bündel und wieder setzten sich meine Beine in Bewegung.

In der Krypta stand die Luft. Es roch modrig. Nur schwaches Licht verirrte sich nach unten. Tastend suchte ich nach einem sicheren Ort für meine Schätze. Zwischen zwei Sarkophagen glaubte ich ihn gefunden zu haben. Die Steinblatten des Bodens waren feucht. Ich fand meinen Platz auf dem Deckel eines der steinernen Särge, mein Allerheiligstes an mich gedrückt.

Von ferne waren die ersten Einschläge zu hören. Ich glitt vom Deckel, kniete nieder, betete - betete um Gottes Hilfe, dass sie nicht bis zu meiner Kirche vordringen mögen. Die Einschläge kamen näher. Das Flakfeuer verdichtete sich zu einem einzigen Brüllen.  Plötzlich explodierte etwas in meinem Kopf. Innen - außen - alles war eins - alles explodierte - alles war Auflösung.

Nach einer Unendlichkeit spürte ich Staub auf den Lippen. Mein Mund war trocken vom Sand, meine Augen verklebt. Der Kopf ein einziges Dröhnen. Mühsam versuchte ich mich aufzurichten, verlor das Gleichgewicht, plumpste zur Seite. Gnädige Ohnmacht.

Durst erweckte mich wieder. Etwas zog mich weiter.  Auf den Knien rutschte ich in Richtung Treppe. Das Bündel vergaß ich bei den Toten. An der Mauer konnte ich mich aufrichten. Alles war Schmerz. Tastend quälte ich mich die Stufen hinauf, stieß mich oben am eingemauerten Weihwasserkessel. 

Die Finger suchten, ertasteten das heilige Wasser. Ich spülte meinen Mund, trank einen Schluck. Das Kratzen im Hals brachte mir meinen Körper in Erinnerung. Die Augen! Ich brachte meine Augen nicht auf. Mit dem restlichen Wasser versuchte ich sie zu waschen. Sand drang unter die Lider. Tränen flossen. Allmählich öffneten sich die Augen. Eine Weile verharrte ich noch gebeugt über dem Weihwasser. Gedanklich versuchte ich meinen Körper abzutasten. Es schien noch alles da zu sein. Die Zehen ließen sich bewegen, die Knie zitterten etwas, funktionierten also noch. Das Becken ließ sich bewegen. Das Atmen fiel leicht. Erstaunlich leicht. Vorsichtig vertiefte ich die Atemzüge. Mit jedem Atemzug, der tiefer ging, weitete sich etwas in mir. Und mit jedem Weiterwerden verstärkte sich ein seltsames Gefühl.

Nein, das ist kein Gefühl, das ist eine Wahrnehmung. Es dringt in mich ein, erfasst jede Fasern, jede Zelle, füllt mich ganz aus, sprengt mein Herz, fließt weiter. Demut, reinste Demut berührt mich. Langsam richtet sich mein Oberkörper auf. Der Blick klärt sich. Der Schmerz fällt ab. Ich drehe mich um. Licht blendet mich. Die Pastorale tönt wie aus überirdischen Sphären in mir. Ich sehe nach oben. Die Mauern sind gesprengt, die Kuppel gibt es nicht mehr.

Zum ersten Mal sehe ich in meiner Kirche den Himmel.

Und plötzlich ist Gott näher als je zuvor.







Harfenspiel


Varda Hasselmann



Er rauchte nicht, er trank nicht, er spielte nicht. Jeden Abend duschte er, litt nicht an Mundgeruch und half Gerti am Wochenende beim Fensterputzen. Ohne zu murren führte er den Hund aus. Er brachte auch den Müll zur Tonne ohne dass seine Frau es dreimal sagen musste. Nach mehr als dreißig Jahren erfüllte er sogar seine ehelichen Pflichten noch in regelmäßigen Abständen. Gertis Mann war ein durch und durch akzeptabler Mensch.


So sehr sie sich auch abmühte, sie konnte nichts, rein gar nichts finden, was ihren Hass auf ihn vernünftig begründen würde. Ständig suchte sie nach Anlässen, ihm Vorwürfe zu machen und er ahnte nicht, der Gute, dass seine Frau immerzu krittelte und hetzte, sich bei anderen über ihn beklagte, die Augen zum Himmel verdrehte, wenn die Rede auf ihn kam. Natürlich nur ganz allgemein, indem sie wie spaßhaft stöhnte: Ogottogott, mein Mann, also nee...! - Schaut er denn anderen Frauen nach? wollte eine Freundin wissen. - Nicht, dass ich wüsste, sagte Gerti und wünschte sich, er täte es. - Ja, was willst du dann, rief die Freundin, sei doch endlich mal zufrieden mit dem, was du hast! Der Waldemar, der ist doch eigentlich ganz in Ordnung! Oder wolltest du ihn etwa gegen meinen Alten tauschen?


Gott bewahre, dachte Gerti, denn sie wusste von dessen Eskapaden. Aber sie sagte nichts, seufzte verzweifelt und suchte weiterhin nach Möglichkeiten, ihren inneren Schwelbrand dem Waldemar als Brandstifter in die Schuhe zu schieben. Wenn sie ihn mit männlichen Wesen aus Nachbarschaft und Bekanntenkreis verglich, schnitt er tatsächlich nicht übel ab. Sie hatte es letztlich ziemlich gut getroffen. Hießen sie nun Lutz oder Sven, Georg oder Benedikt - der eine war ein Filou, der zweite ein Anlagebetrüger, der dritte ein Schürzenjäger, der vierte ein Versager auf der ganzen Linie. Wer keinen Bierbauch hatte, kaute mit einer Vollprothese oder humpelte auf neuen Hüftgelenken. Einer hatte schon die dritte Frau, eine ganz junge, aber mit dem wollte sie nichts zu tun haben.


Die Jahre gingen dahin, ohne dass Waldemar ihr den geringsten Anlass für begründete Kritik gegeben hätte. Fast täglich überprüfte Gerti ihre innere Liste seiner möglichen Fehltritte und Charaktermängel, ohne etwas ankreuzen zu können. Dieser Mann war unangreifbar. Nichts sprach gegen ihn. Nun war Gerti bekannt für einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Deshalb wäre es ihr unmöglich gewesen, einfach irgendetwas aus der Luft zu greifen oder ihren Waldemar mit unbegründeten Vorwürfen zu überschütten. Doch seit Jahren nörgelte sie tonlos und mochte sich nichts anmerken lassen, versuchte korrekt und freundlich zu bleiben. Aber kaum verließ er das Zimmer schickte sie ihm giftige Blicke hinterher. Seine Gutherzigkeit verwehrte ihm ihren Abscheu zu bemerken. Kroch er gegen halb zehn unter sein Federbett, drehte sie ihm ostentativ den Rücken zu und säuselte: Gute Nacht, Waldi, und schlaf schön! Bis auf jeden zweiten Samstag nach dem Fernsehen, da ging noch etwas, mit einem Piccolo für jeden.


Offensichtliche Gemeinheiten verkniff Gerti sich, denn die hätte sie vor ihrem eigenen Gewissen nicht vertreten können. Aber die Gedanken, selbst die bösen, die waren doch frei. Trotzdem hatte sie ein paar kleine Schuldgefühle, nicht täglich, aber immer wieder einmal. Dann murmelte sie zur Beruhigung ihr Mantra: Mein Waldi, der ist schon okay. Ist ordentlich, bringt Geld nach Hause. Sieht noch nicht mal übel aus! Ich hab’s doch gut, oder? Bin zu beneiden. Im Grunde. Sie verstand sich selbst nicht, das war’s. Denn hätte man sie gerade heraus gefragt, wäre ihr nichts anderes eingefallen als zu beteuern: Aber ja doch, natürlich liebe ich meinen Mann, was denn sonst?


Es gab nur ein einziges Problem, wenn es denn als Problem benannt werden konnte: Waldemar war ungewöhnlich schweigsam. Er redete selten, sprach weder mit ihr noch mit anderen mehr als das Allernötigste. Nie ein dahingeworfenes Wort, kein Schwätzchen, kein Kommentar zur Fernsehsendung oder zum Tagesgeschehen – nichts. Ja ist gut, alles klar, und Nein oder Entschuldigung, das war sein ganzer Wortschatz. Und was den Tagesablauf betraf, hätte er doch fragen können:  Wann gibt’s Essen? Aber er hielt diese Frage wohl für überflüssig und sie bedurfte keiner Antwort, denn Gerti war stets pünktlich, man aß um halb acht, um eins und um punkt sieben.


Konnte man einen Mann nun dafür verdammen, dass er nicht viele Worte machte, wenn sonst nichts gegen ihn vorlag? Sein Schweigen war ja nicht verdrossen oder verbissen oder gar strafend. Er verweigerte Gerti nicht etwa eine kurze Antwort, wenn sie etwas Dringendes wissen wollte. Aber ein Stammtischbruder war Waldemar nun einmal nicht. Sein Bier trank er gemütlich in aller Stille auf dem Sofa. Gerti hatte das schon vor der Verlobung gewusst. Bis zur Silberhochzeit und auch seither hatte sich nichts geändert. Der ist eben ein stummer Fisch, sagten die Freundinnen. Und du hast ja uns!


Es war in der Adventszeit, als in Gerti ein alter und doch jährlich aufgefrischter Groll aufstieg. Denn ihr Mann hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, zu jedem Weihnachtsfest ein französisches Parfum zu kaufen, immer dieselbe Marke. Sie aber konnte diesen Duft auf den Tod nicht ausstehen. Deshalb hatten sich an die dreißig Flacons angesammelt, originalverpackt hinter den Einmachgläsern im Keller verborgen. Nur ein Alibi-Fläschchen hatte sie im Badezimmerschrank stehen. Und wenn mal wieder einer jener Samstage nahte, tupfte sie einen Hauch davon auf ihre Schenkel, möglichst weit weg von ihrer Nase und möglichst nah an der von Waldemar. Ihm zu gestehen, dass ihr von dem Geruch übel wurde, brachte sie nicht übers Herz, wo der Gute sich doch so viel Mühe machte und eine Menge Geld für das Geschenk ausgab.


Doch in diesem Jahr kam alles anders als geplant, denn Waldemar wurde am zweiten Adventswochenende krank, er bekam eine Erkältung, die sich bald in eine heftige Bronchitis wandelte. Am Ende wurde daraus eine Lungenentzündung die auf keine der üblichen Antibiotika reagierte. Gerti pflegte ihn zu Hause wie es sich gehörte. Von einer Verlegung in die Klinik wollte sie nichts wissen, schon gar nicht über die Feiertage, wenn Schwestern und Pfleger bekanntlich Urlaub nehmen und die Ärzte sich bei den vielen Betriebsfeiern betrinken. 


Einer gewissen Ansteckungsgefahr zum Trotz wollte sie nicht aus dem Ehebett ausziehen. Wenn ich auch noch krank werde, kann ich endlich wütend auf ihn sein – dieser Gedanke schoss ihr zuweilen durch den Kopf; er wurde aber schnell verscheucht, weil er ihrem Selbstbild als aufopfernder Krankenpflegerin überhaupt nicht entsprach. So litt sie still und hasste still und fühlte sich großartig dabei.


Waldemars Hustenanfälle waren zum Gotterbarmen. Manchmal musste er sich dabei übergeben, dann wieder hatte er blutigen Auswurf wie ein Tuberkulosekranker, war blaurot im Gesicht und nahe am Ersticken. Wenn er ein wenig Ruhe fand, lag er hoch aufgerichtet auf seinen Kissen und röchelte wie ein Sterbender, hohläugig, fiebrig und bleich. Kurz vor Heiligabend musste Gerti den Notarzt rufen. Der verschrieb einen starken Hustenstiller, um die quälenden Bronchialkrämpfe zu unterdrücken. - Aber nicht zu viel davon, mahnte er, sonst wird das chronisch! Der Schleim muss locker bleiben, also nur abends verabreichen! Und hier sind noch Tabletten zum Schlafen, die können Sie beide einnehmen, sonst stehen Sie arme Frau die häusliche Pflege nicht durch. Ist ja wirklich schlimm, und gerade jetzt über die Feiertage, der arme Mann! Mit Heiligabend wird es wohl nichts.


So lag Gerti in der folgenden Nacht neben ihrem Mann und konnte endlich ein paar Stunden Ruhe finden, denn sie hatte dankbar gleich zwei dieser Pillen eingenommen. Waldemar hustete seltener. Aber immer wieder fuhren beide hoch, wenn ein Anfall kam.

Dann musste Gerti seine Windelhose wechseln, ihm die verschwitzte Pyjama-Jacke ausziehen, den Spucknapf säubern. Bis sie wieder still neben ihm lag und sich ihr Herzklopfen beruhigt hatte, verging geraume Zeit. Das Schlafmittel machte ihr einen wattigen Kopf. Aber in einer Stunde lange nach Mitternacht geschah etwas Merkwürdiges. Waldemar lag hochgebettet auf seinen Kissen, er schlief. Doch er röchelte nicht mehr so rau wie zuvor. Aus seinem offenen Mund drang mit jedem Atemzug ein dünnes Schreien wie von einem weit entfernten Esel, ihh-ähh, ihh-ähh, ein-aus, ein-aus. Gerti lauschte diesen Tönen, die sich nach und nach zu einer ungewohnten Musik wandelten. Immer feiner wurden sie, fast überirdisch, ein Harfenklang.


Gerti hielt die Augen geschlossen, doch sie war nicht sicher, ob das alles ein Traum war, so schön klang das. Vielleicht war Waldi tot und sang Sphärenmusik für sie? Waren Engel im Zimmer? Das wollte sie gern genauer wissen. So setzte sie sich auf die Bettkante, wickelte das Federbett um ihre Hüften und hörte halb beseligt, halb beunruhigt den süßen Melodien zu, die dem Rachen ihres Mannes entströmten.


Wie viel Zeit vergangen war, hätte sie später nicht sagen können. Doch irgendwann wurde das zarte Singen zu einem rauen Keuchen und Krächzen, als läge der Mann besoffen da. Und jetzt vernahm Gerti, was sie schon seit Jahrzehnten erhofft und ersehnt hatte: wüste Beleidigungen, ordinäre Beschimpfungen, Flüche und Verwünschungen. Er redete! Endlich, er redete! Alles, was er stets verschwiegen hatte, kam ohne sein Zutun aus seinem Hals. Waldi, dieses scheinbar herzensgute, harmlose Kerlchen, hatte eben doch eine abgründige Seite, die er ihr partout nie hatte zeigen wollen. Wie ein Schwall stinkender Kotze brach es in dieser Nacht aus ihm heraus – all das in den langen Jahren ihrer Ehe über seine Frau Gedachte und Gefühlte, all das Üble und Gemeine und Verlogene, die geheuchelte Freundlichkeit. Sogar sein zufriedenes Seufzen der Samstage verwandelte sich in das bösartige Grunzen eines Wildschweins. Natürlich sagte er das in einer nächtlichen Geheimsprache, mit einem Code den nur Gerti imstande war zu entziffern. Aber sie, ja sie hörte plötzlich alles und wusste alles und machte sich ihren Reim darauf. Waldemar war entlarvt.


Als er sie im Morgengrauen anstupste, weil er die Bettschüssel brauchte, erwachte sie und drehte sich mit einem derart hasserfüllten Blick zu ihm hin, dass er zurückprallte. Ohne ein Wort warf sie das Plumeau von sich, rannte in den Flur, wählte die Nummer der Notrufzentrale und keuchte: Schnell, schnell, mein Mann muss ins Krankenhaus! Und als er dann auf einer Bahre angeschnallt und weggeschafft worden war, wohl für immer, da kochte Gerti sich ihren Frühstückskaffee. Und weil Weihnachten war, schlug sie zwei Eier in eine gebutterte Pfanne und stippte dann in heiterster Empörung ihren Toast in die glibbrigen gelben Halbkugeln.






Die Beerdigung


Linde Hasselmann


Die Glocken beginnen zu läuten. Jeder Mensch im Dorf fühlt sich aufgerufen zur Beerdigung von Giotti zu gehen, um ihm die sogenannte letzte Ehre zu erweisen, ob man den Mann nun geehrt oder verachtet hat. So gehört es sich, man möchte ja nicht durch Abwesenheit auffallen.

Auch Gina holt ihren Wintermantel aus dem Schrank. Selten hat sie die Gelegenheit, ihr bestes Stück anzuziehen. Es riecht nach Mottenkugeln und Feuchtigkeit. Kein Grund, ihn nicht zu tragen. Zum Auslüften bleibt keine Zeit. Ein warmes Tuch braucht sie auch, schließlich geht man in ihren Alter nicht ohne Kopfbedeckung außer Haus. Fehlt noch, dass sie sich bei dieser Kälte was holt.

Sie schließt die Haustür ab, versteckt den Schlüssel im Blumentopf neben dem Eingang und legt einen Stein drüber. Natürlich weiß sie dass jeder weiß wo er liegt.

Ihr Weg zur Kirche führt sie über gefrorene Pfützen zwischen alten, längst verschlossenen und verlassenen Steinhäuser entlang. In den vergangenen Jahren haben die meisten Einwohner dieses Dorfes ihren Wohnsitz geändert. Sie liegen jetzt in einem Hochgrab aus Zement auf dem Friedhof. Wie in einem Wabennest liegen sie dort, nach Familiennamen eingereiht. Ein Passfoto wird dafür auf Porzellan übertragen, damit man weiß wer da ruht, denn man möchte sie auch nach ihrem Tod in Erinnerung rufen. Seiden- oder Plastikblumen stecken in kleinen, am Hochgrab befestigten Bronzevasen. Für diejenigen, die  schon zu Lebzeiten für ihre letzte Bleibe aus Geiz ein Grab in den billigeren höheren Etagen ausgewählt haben, steht eine Stiege auf Rollen bereit.

Gina steigt schnaufend die Treppe hinauf, die zum Portal der Kirche führt. Jeder ihrer Atemzüge erzeugt eine kleine weiße Wolke an diesem eisigen Januartag. Sie hört mit halbtauben Ohren das Plaudern und Murmeln der Männer, die sich auf dem Kirchplatz versammelt haben. Alle sind gekommen, auch ein paar Leute von unten, doch insgesamt sind es nicht gerade viele. Die Kirche wird kaum voll sein, obwohl sie nicht mehr als vierzig Sitzplätze hat. Jede Beerdigung ist auch immer eine willkommene Gelegenheit, sich über alles Mögliche auszutauschen, von den Vieh- und Getreidepreisen der letzten Zeit zu reden und natürlich auch zu spekulieren, wer nun die Häuser, Felder und Wälder erben wird, die der verstorbene Giotti hinterlässt.

Kinder hat er nicht, auch keine Witwe. In seiner Familie heiratete seinerzeit nur sein ältester Bruder. Die Frau stammte aus Kalabrien, verstand nicht einmal den piemontesischen Dialekt ihres Mannes. Aber sie war ja auch nicht zum Reden da. Man befand außerdem, dass eine einzige Frau genüge um für die Familie zu kochen, waschen, putzen, auf dem Feld zu arbeiten, die Kühe zu melken und außerdem die körperlichen Bedürfnisse aller vier Brüder zu befriedigen. Nun ist auch Giotti, der Jüngste, gestorben, Gott hab ihn selig.


Gina betritt in die Kirche und sucht mit dem Blick einen ihr passenden Platz auf den Kirchenbänken. Man will ja schließlich nicht neben jeder Nachbarin sitzen und womöglich im Laufe der Messe auch noch einen Friedenshanddruck austauschen müssen. So verlangt es seit einigen Jahren die Liturgie. Gina ist nicht oft in der Kirche, es gibt auch nur selten Heilige Messen, der Priester aus Nigeria hat in anderen Gemeinden zu viel zu tun. Alles verändert sich. Auch spricht er nicht mehr auf Latein, was früher so angenehm war. Man nahm am Gottesdienst teil, verstand kein Wort, wurde gesehen und ging wieder nach Hause. Jetzt ist es dagegen üblich, die Messe auf italienisch zu lesen und einzelne fromme Dorfbewohner sollen sogar aus der Bibel vortragen. Natürlich nur diejenigen, die lesen können.


Trotz aller überflüssigen Modernisierungen hält man hier im Dorf an der alten Regel fest: Frauen auf die linken Bänke, Maenner sitzen rechts. Die Alten des Dorfes stehen aber so lange vor der Kirche, bis der Leichenwagen eintrifft.


Gina rutscht neben Rosa und und grüßt sie mit einem leichten Druck auf den Arm. “Wie geht’s? So ein Wetter! Hätten auch für uns den Ofen anzünden können, hier holen wir uns noch was. Armer Giotti, der musste nun auch gehen. Ich hab ihn noch letzte Woche gesehen, wie er vom Trüffelsuchen aus dem Wald kam. Und jetzt das. So schnell! Wie alt war der nochmal? Ach ja, Jahrgang 29, wie sein Vetter Carletto. Dem geht es aber doch gut, seit er unten im Altersheim lebt, oder? Nicht schlecht, wenn man versorgt wird. Wer hat Giotti eigentlich gefunden? Schrecklicher Tod, so ganz alleine im Schnee erfrieren. War wohl das Herz.“


Auf dem Kirchplatz wird es still. Das Portal der Kirche öffnet sich, eine kalte Windböe weht hinein. Die Leichenträger heben den glänzenden Holzsarg auf ein Gestell vor den Altar, während die verstimmte Orgel spielt. Die Männer treten hinter dem Leichenzug ein und nehmen Platz. Dann erscheint auch der junge Priester mit zwei Ministranten, die keiner kennt, sie sind aus einem anderem Dorf. Er trägt ein weißverblichenes Gewand bestickt mit einem goldenen Kreuz, seine schwarze Haut glänzt wie der Sarg und die ganze versammelte Gemeinde steht auf.


Während Don Abebe mit gesengtem Kopf zum Gebet aufruft, betrachtet Gina das Schauspiel. Ein Kranz, gebunden aus Stechpalmenblättern, verziert mit roten Rosen und weißen Orchideen liegt obendrauf. Wer hat den  wohl bezahlt? Wahrscheinlich die Vettern. Davon gibt es ja mehrere. Alle hoffen auf ein reiches Erbe. Schließlich war Giotti einer der Wohlhabenden im Dorf. Ob er ein Testament hinterlassen hat? Der konnte ja gar nicht richtig schreiben. Aber vielleicht hat einer der Angehörigen ihn rechtzeitig zu einem Notar im Tal geschleppt, um sich alles unter den Nagel zu reißen.

Don Abebe hebt seinen Blick zum schlichten Gewölbe der kleinen Kirche, die Hände vor der Brust gefaltet. Seine Stimme wird lauter und Gina wird von Rosa mit dem Ellenbogen gestubst, damit sie besser aufpasst. Alle stehen auf, Zeit für das Vaterunser. Dann beginnt der Priester mit seiner Ansprache.


Kannte er den Verstorbenen überhaupt? Er ist doch erst vor kurzem zum Nachfolger von Don Giuseppe ernannt worden. Er kommt auch nur zu einer besonderen Gelegenheit wie dieser hier auf den Berg. Seit Jahren finden in dieser Kirche keine Hochzeiten mehr statt, geschweige denn Taufen.


„Unser lieber Bruder Teresio, den wir alle als Giotti kannten, hat uns nun verlassen und kehrt zu Gott zurück. Doch tritt er nicht mit leeren Händen vor den Herrn. Seine Güte und Großzügigkeit und seine große Liebe zu seinen Mitmenschen begleiten ihn auf seiner letzten Reise...“


Na ja, so gut war er nun auch wieder nicht, findet Gina und weiß, dass auch alle anderen, Männer wie Frauen, genauso denken. Mit seinen Brüdern war er bis zuletzt zerstritten, seine einzige Schwägerin musste für alles herhalten. Seine treuen Trüffelhunde schlug er mit dem Knüppel, wenn sie nicht genug von den Knollen aus dem Waldboden kratzten. Man sagte ja auch, dass keine Katze mehr vor ihm sicher war, seit er keine Karnickel mehr züchtete, weil ihm der Metzger zu teuer war. Gina traute ihm das zu. Ihr Kater Max war letztes Jahr auch plötzlich nicht mehr aufgetaucht.

Oh Gott, man darf doch so etwas einem Toten nicht nachsagen, das bringt Pech, denkt sie. Aber stimmt doch, von Nächstenliebe und Güte sollte Don Abebe nicht unbedingt erzählen, da gäbe es genug andere Geschichten. Er hat ihn ja nicht gekannt und muss sich irgendetwas aus den Fingern saugen. Junge Leute denken ja oft, die Greise seien allesamt gutmütige, geläuterte Menschen. Ich dagegen kannte ihn schon als Kind, wir waren ja zusammen in der Dorfschule. Schon damals fiel ihm ein böses Wort über jeden ein. Und wie gerne hat er die Kleineren verprügelt...den mit dem Hinkebein zum Beispiel, wie hieß der noch? Konnte nicht so schnell weglaufen. Armer Kerl, auch schon lange tot. Naja, irgendwann kommt für jeden die Zeit. Herrgott im Himmel, wie lange dauert das hier noch, hab schon Eisbeine. Muss denn der ausgerechnet im Januar sterben? Gehet hin in Frieden, sagt der Priester.


Die Leichenträger in ihren schwarzen Gewändern, geerbt von ihren Vätern, heben den Sarg mit eingeübtem auf ihre Schultern und treten mit schweren Schritten vor die Kirche. Mit einer letzten Bekreuzigung und einem angedeuteten Knicks vor dem Altar verlässt auch Gina die Kirche. Es ist wie ein Abschied. Ob ich hier noch einmal lebend herkomme? fragt sie sich. Ganz bis zum Friedhof draußen zwischen den Feldern will sie nicht mitgehen. Dort draußen liegt noch Schnee, da kann man leicht ausgleiten. Bei dieser Eiseskälte will sie schnell wieder in ihre warme Küche, vielleicht sogar mit einer Wärmflasche unter die Bettdecke.














 

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