Vardana

Inspiration für Autoren

 
 

Was entstand bei VARDANA?

 

2015


Anfang November, nach den Totengedenktagen, die für italienische Gäste so bedeutsam sind, dass sie in dieser Zeit gerne eine Woche lang „Brücken-Ferien“ in einem schönen Thermal-Hotel machen, trafen wir uns erneut im AbanoRitz. Nach dem großen Feiertagstrubel war es jetzt ruhiger. Freundlich und erfreut wurden wir vom Personal begrüßt. Als Veranstalterin mehrerer Seminare im Jahr bin ich dort nunmehr gut bekannt. Nach einem Aperitif an der Hotelbar und der ersten Begegnung der Teilnehmer begaben wir uns in den eindrucksvollen, eleganten Speisesaal zum Diner – anders kann man es gar nicht ausdrücken! Auch an allen Abenden der nun folgenden Woche freuten wir uns bereits morgens auf das Abendessen – klassische italienische Küche, frisch, gesund, schmackhaft und oft raffiniert zubereitet. Die Kellner servieren seit jeher mit weißen Handschuhen; es gibt wohl kein zweites Kurhotel in dieser Gegend, wo man noch so fein bedient wird. Einer unserer Seminarteilnehmer hatte viele Jahre ein Hotel geleitet und freute sich mit Kennerblick über all die vielen Kleinigkeiten, die er im Service entdeckte; er bewunderte Porzellan, Besteck und Gläser, alle mit edlem Monogramm.

Am folgenden Morgen ging es dann an die literarische Arbeit. Nach einer kleinen theoretischen Einführung in die Textgattung der Kurzgeschichte folgten die ersten Übungen. Aber diesmal schlug ich vor, die Teilnehmer sollten sich auch auf ein wichtiges Ereignis in ihrem Leben erinnern – vielleicht würde es sich ja als Stoff für einen kurzen Text eigenen. Wichtig ist für jede Kurzgeschichte, mag sie auch nur drei Seiten umfassen, dass die zentrale Figur irgendeine Art innerer Entwicklung durchmacht.

Lag es an einer Art Gruppendynamik oder war es Zufall? Wir hatten nichts dergleichen abgesprochen, doch sehr schnell stellte sich heraus, dass alle Erzählstoffe, die sich in unseren Köpfen entwickelten, mit alten Menschen zu tun hatten. Und einiges war auch der eigenen Biografie entnommen. Das stellte uns alle nun vor interessante Herausforderungen, denn bekanntlich bekommt es der literarischen Qualität nicht, die Wirklichkeit direkt abbilden zu wollen. Man muss sie vielmehr formen, verkürzen, konzentrieren und auch einmal von dem abweichen, „wie es denn wirklich gewesen“. Der Anfang ist bereits gemacht, wenn man der zentralen Figur einen neuen Namen gibt, die zeitlichen Umstände etwas verändert, die Handlung konzentriert auf einen wichtigen Moment, eine Stunde, einen Tag. Als wir eine halbe Woche intensiv entworfen und wieder verworfen hatten, kam die berühmte kreative Pause, von der Leiterin als „Zwangspause“ zur geistigen Erfrischung angeordnet. Gemeinsam fuhren wir nach Venedig – für einige eine neue Erfahrung, für andere eine Auffrischung der Eindrücke nach Jahren oder gar Jahrzehnten.

Mit offenem Mund bestaunten wir wieder und wieder die Farben, die Formen, das Glitzern und Glänzen, die vorweihnachtlich geschmückten Geschäfte und die abendlichen Spiegelungen der Paläste in den Kanälen. Doch was galt uns allen als Höhepunkt? Eine heiße Schokolade mit Schlagsahne im berühmten, 1720 eröffneten Caffè Florian! Hatten hier nicht schon Hunderte berühmter Literaten (Goethe, Balzac, Proust, Thomas Mann) auf den samtbezogenen Bänken gesessen? Wir fühlten uns somit in angemessener Gesellschaft, süß inspiriert vom Geist der Jahrhunderte, und es wird nicht erstaunen, dass wir am folgenden Morgen mit frischem Mut und großem Elan an unseren Texten weiterarbeiteten. Wenn die großen Dichter und Philosophen ihre Schriften an diesen Kaffeehaus-Tischchen viele Male überarbeitet, ergänzt, gekürzt und sogar umgeschrieben haben, brauchen wir uns doch nicht zu schämen, wenn unser typisch germanisches Geniedenken („Entweder ich kann’s oder ich lass es sein!“) nicht gleich Vollkommenes von Weltformat hervorbringt?

Maikäfer flieg

von Katharina Schulze-Beckedorf


Georg zog es vor, im Freien zu pinkeln. Jetzt war es soweit. Er mühte sich aus dem Sessel. Seine maroden Kniegelenke schmerzten. Langsam stieg er die knarrende Treppe des Hauses hinunter.

Niemand konnte hier ungehört verschwinden. Im Haus, das einst voller Leben gewesen war, gab es jetzt nur noch Anna. Sie hatten schon lange getrennte Schlafzimmer, Wand an Wand. Wohin er ging, war ihr gleichgültig. Am meisten interessierte sie, ob er getrunken hatte. Er fühlte sich nicht mehr wie ihr Mann, sondern wie die Eiche vorm Haus oder der Biedermeier-Sekretär oder die Spülmaschine, deren Programm mit einem Blick kontrolliert wurde.

Als er die Haustür öffnete, umfing ihn warme Maienluft. Apfelbäume und Flieder standen in voller Blüte. Obwohl es schon Nachmittag war, hörte man noch Amseln singen. Aber er fühlte sich inmitten dieser Wonne völlig fehl am Platze.

Dies war das Grundgefühl seines Lebens.


Der Plattenweg mündete auf den Rasen, von dem aus man auf Felder schaute. Er atmete tief die nach Grün duftende Luft. Hier kannte er zwar jeden Zentimeter, aber das Gefühl, nicht wirklich zu Hause zu sein, hatte sich auch nach 50 Jahren nicht gelegt. Er dachte an die weitläufigen Kartoffelschläge seiner Heimat Pommern.  Im Weitergehen summte er… Maikäfer, flieg, dein Vater ist im Krieg, die Mutter ist im Pommernland, Pommernland ist abgebrannt...

Vorsichtig setzte er einen Fuß vor den anderen. Maulwürfe und Wühlmäuse hatten Unebenheiten aufgeworfen. Üppiges Frühlingsgras überwucherte Kuhlen und übrig gebliebene Herbstblätter, man konnte leicht straucheln.

Georg erreichte seine bevorzugte Stelle bei einer großen Blautanne. Das Gras an diesem kleinen Platz war eben und schon heruntergetreten. Er verteilte sein Gewicht auf beide Beine, bis er einen sicheren Stand hatte und wartete auf den Strahl, der nicht mehr so  war wie früher. Dann schaute er auf und sah  filigrane Zweige der Tanne, die dicht übereinander geschichtet waren und sich im leichten Wind bewegten. Ein paar  Kirschblütenblätter hatten sich in den Nadeln verfangen.

Er mochte diesen Moment. Der Tanne fühlte er sich nah, ihr harziger Geruch begleitete ihn durch die Jahreszeiten. Anna konnte es nicht leiden, wenn er zum Pinkeln in den Garten ging. Trotzdem war er all die Jahre hartnäckig dabei geblieben. Schon als Junge zu Hause hatte er es so gehalten, war flink aus dem großen Herrenhaus in den Park geschlüpft und hatte sich dabei köstlich frei gefühlt.

Was ihm wirklich wichtig war, setzte Georg durch. Aber in den meisten Lebensbereichen bestimmte seine Frau. Sie wusste, was sie wollte. Georg machte es viel weniger aus, sich anzupassen, als ihr etwas entgegenzusetzen, und ihre Entscheidungen waren meistens angemessen. Ernsthaften Streit hatte es selten gegeben. Als er ohne Absprache der Tochter zum Abitur eine teure Perlenkette schenkte, war Anna sehr verärgert gewesen, aber er war dabei geblieben.


Er hatte auch einen Rauhaardackel angeschafft und seine Frau auch hier vor vollendete Tatsachen gestellt, weil er wusste, dass sie nie zugestimmt hätte. Er richtete ihn ab und der Hund wich nicht von seiner Seite.

  Jetzt näherte sich Georg dem knorrigen alten Kirschbaum. Den Schössling hatte er hier an der Ecke des Grundstücks selbst eingepflanzt. Er sah sich graben, noch mager, aber  trainiert von der Waldarbeit. Ein Junker aus dem Osten, der sich bei den Bauern des Dorfes als Holzarbeiter verdingen musste. Der gut aussehende, hochgewachsene Fremde, dem Anna ihre Gunst geschenkt hatte. Sie hatte ihn erwählt, und er war ihr gefolgt. Er konnte noch nicht einmal sagen: gerne gefolgt, obwohl er sie wirklich mochte. Seine Gefühle waren matt und blass, wie unter einer Schneedecke, als er immerhin lebend hier  angekommen war.

Als Anna ihn traf, war sie 23, schon verwitwet und Lehrerin des Dorfes. Ihr gemeinsames Zuhause wurde bald schön und gepflegt und war es noch. Sie hatte eine erfrischende Art, sich zu freuen und unter ihren Händen gediehen Blumen und Pflanzen. Das hatte ihm wohl getan und ihn gewärmt, seine Erstarrung gemildert; Wurzeln hatte er dennoch nicht schlagen können.

Er kehrte der mächtigen, verblühten Krone des Kirschbaums den Rücken und lenkte seine Schritte zurück zum  Haus.

Es zog ihn, noch einen kleinen Bogen zu gehen und den Hund zu besuchen, hinten an der Hecke. Vor Jahren hatte er ihm im Garten den Gnadenschuss gegeben, seinem treuen kleinen Freund, der ihn stets jaulend, wedelnd und mit lachenden Augen begrüßt hatte und an ihm hochgesprungen war, wenn er heimkam. Sogar Annas Herz hatte er erobert, auch wenn sie es zuerst nicht wahrhaben wollte. Als zuverlässiger Jagdbegleiter rührte er sich nicht beim stundenlangen Ansitzen auf dem Hochsitz, und er konnte mit ihm wie mit sonst niemandem reden.


Wenn Georg abends mit gepackter Patronentasche und geschultertem Gewehr, den abgegriffenen grünen Hut mit Eichelhäherfeder ins Gesicht gezogen, ins Revier fahren wollte, war Anna das ein Dorn im Auge.

Erst seit kurzer Zeit musste er nun immer öfter abends in seinem Zimmer bleiben, weil seine Beine nicht mehr wollten und er die Strapaze scheute. Oft wurde er dann so unruhig, dass er sich am Ende doch noch aufraffte. Der Gang hinaus ins Revier war es doch, wofür es sich noch lohnte.

Ein kleiner Feldstein lag unauffällig im Gras und zeigte an, wo Arko lag. Einen neuen Hund anzuschaffen, hatte er sich nicht überwinden können. Nachdenklich ging Georg zurück.

Er öffnete die Haustür und trat in den Flur. Einen Augenblick verweilte er  unschlüssig, horchte ins Haus und machte sich dann an den Aufstieg. Die Treppe knarrte, Anna würde Bescheid wissen. Er wusste jetzt, was zu tun war.

Aus dem Kleiderschrank holte er die Flasche Doppelkorn und setzte sich in seinen Sessel. Mit ruhiger Hand schraubte er den Verschluss ab. Der große Schluck des scharfen Brandes wirkte bald. Er saß da, schloss die Augen und fühlte, wie sich seine Glieder lösten. Der Atem ging tiefer, er fühlte sein Herz schneller klopfen und nahm noch einen Zug. Müde war er, sehr müde und zugleich erregt. Dann erhob er sich, ging zu seiner Nachttischschublade und zog sie auf. Darin verwahrte er griffbereit seine Mauser, die er für Fangschüsse brauchte. 


Das Vermächtnis

von Charlotte Dietler


„Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, gelobt sei der Name des Herrn.“

Es war eine kleine Gruppe von Menschen, die sich versammelt hatte. Alle waren  schwarz gekleidet. Man sah kaum die Gesichter unter den dunklen Regenschirmen. Nein, es waren nicht viele gekommen: die Eltern, ein paar Verwandte, ein paar Leute aus dem Dorf. Sie selber fiel auf: mit knapp neunzehn Jahren war sie die Jüngste, trug ein graues Kleid. Sie besaß nichts Schwarzes.

Es regnete nur noch wenig – nach den schweren Unwettern in den vergangenen  Tagen eine Wohltat. Trotzdem war der Boden um das Grab herum ein großer Matsch, man musste aufpassen, dass man nicht ausrutschte. Die  Sonntagsschuhe der Trauergäste sahen aus, als kämen sie direkt von der Feldarbeit. Jeder ließ eine Schaufel mit nasser Erde auf den Sarg fallen – Angelika tat es auch, obwohl in ihr sich alles sträubte gegen den Gedanken, dass ihre Großmutter tot sein sollte. „Wir wollten doch noch die erste Motorradfahrt zusammen machen“, dachte sie. Sie weinte.

Die Gruppe  verließ das Grab, stelzte über den aufgeweichten Friedhofsrasen zurück auf die Straße. Alle steuerten  auf das  Restaurant ‚Löwen’ zu, wo man sich zum Leidmahle treffen wollte.

Der Wirt hatte sich Mühe gegeben. Weiße Tischdecken lagen auf den Holztischen. Das Besteck war bereits aufgelegt; an jedem Platz stand neben dem Wasserglas auch ein Weinkelch. Man servierte zuerst jedem einen Teller heiße Suppe – das wärmte die durchfrorenen Glieder wieder auf. Anschließend  gab es reichlich Trockenfleisch und frisch gebackenes Brot. Der Rotwein machte die Leute gesprächig, man redete  über das  Unglück:

Es war ein schrecklicher Tag gewesen. Die Gewitter hatten sich über den  Bergen entladen, und der sonst so kleine Dorfbach war zunehmend angeschwollen. In der Nacht war sintflutartiger Regen losgebrochen.

Die alte Frau hatte als erste das Unwetter erkannt, hatte gehört, wie  Wasser und Felsbrocken im zu engen Bachbett herunter donnerten. Sie war es, die Alarm geschlagen hatte. Nein, die Wohnhäuser waren nicht in Gefahr gewesen, doch der Stall bei der unteren Alp. Alle rannten dorthin, man führte das Vieh hinaus  auf die sichere Weide. Jedes Tier konnte gerettet werden, doch wo war  Angelikas Großmutter? Vergebens suchte man sie. Der Bach, zum reißenden Fluss angewachsen, überflutete bereits den Stallboden, riss die ersten Balken mit sich in die Tiefe. Erst am nächsten Morgen fand man die Frau, tot, unten im Tal, wo der Bach in den großen Fluss mündet.

„Es ist ja traurig, aber Gott musste wieder für  Ordnung sorgen“, hörte Angelika ihre Mutter sagen. „Wer kauft sich schon in diesem Alter ein Motorrad und will dann auch noch damit herumfahren! Der Herr musste für Ordnung sorgen.“ -  „Jaja“, stimmte die Nachbarin vom Unterdorf zu,„gottesfürchtig muss man stets bleiben, auch im Alter, sonst kommt die Strafe sofort“. Angelika hörte zu, sie schwieg. 

Sie erinnerte sich an die freudestrahlenden Augen der Großmutter, als sie ihr zum ersten Mal das frisch erstandene Motorrad gezeigt hatte. Voll Begeisterung hatte sie ihr erzählt, dass sie sich damit einen alten Wunschtraum erfüllt hätte.

Wie von ferne hörte Angelika die Stimmen der Trauergäste. „ Sie war ja eine gute Frau“, meinte der Bauer von der andern Seite des Baches. „Jahrelang hat sie sich um ihren kranken Mann gekümmert und ihn bis zu seinem Tode zuhause gepflegt“.  - „Aber das ist es ja gerade“, entgegnete die Nachbarin „der Tod ihres Karls hat sie völlig aus dem Gleise geworfen, erst da kam sie auf diese irrige Idee mit dem Motorradkauf und den Fahrstunden. Als hätte man mit 68 Jahren nicht noch Wichtigeres zu tun.“

Angelika tauchte zurück in ihre Erinnerungen. Ihre Oma war so voll  Liebe und Geduld gewesen, nicht wie die strenge, stets fordernde Mutter. Schon als kleines Kind ging sie gerne zur Oma hinüber. Sie fand immer wieder etwas Zeit, mit dem Mädchen zu spielen, ihr bei den Schularbeiten zu helfen. Die Mutter schimpfte zwar: „Bei uns gibt es genügend Arbeit, du brauchst Deine Zeit nicht bei der Großmutter zu vertrödeln!“ Doch Angelika lief immer wieder hinüber ins Nachbarhaus.

Eines Tages, kurz nach dem Tode des Großvaters, zeigte die Großmutter ihrer Enkelin die Überraschung: das  Motorrad. Eine richtige große, schwere Maschine. Vergnügt machten Großmutter und Enkelin zusammen Pläne für ihre erste Ausfahrt. Die Mutter war allerdings schon damals nicht einverstanden gewesen: „Ein Motorrad mit 68 zu kaufen, ist nicht nur Unsinn und hinausgeworfenes Geld, es grenzt an Gotteslästerung!“ schimpfte sie. Angelika begriff nicht. Was sollte daran falsch sein? Die Großmutter hat sich so sehr darüber gefreut, was also sollte nicht gut sein?

Da stand der Vater auf von der Tischrunde, blickte um sich, schaute zu Angelika, räusperte sich. Die Trauergemeinde verstummte, alle schauten zum Vater. „Dieser Brief“, sagte er und zog dabei ein Blatt Papier aus der Westentasche, „ist an Dich gerichtet, liebe Tochter, aber ich möchte  einen Teil davon hier, für uns alle,  vorlesen“.

„Meine Angelika“, las er vor, „wenn Du diesen Brief bekommst, bin ich nicht mehr unter den Lebenden. Ich möchte Dir auf Deinen Lebensweg etwas mitgeben, was für mich wichtig ist. Ich vermache Dir dieses Motorrad. Das Motorrad war für mich lange der Inbegriff eines unerfüllbaren Wunschtraumes gewesen. Erst spät habe ich begriffen, dass man sich  seine eigenen Träume erfüllen kann und darf. Doch die ersten Schritte dazu muss man selber tun“

Der Vater reichte den Brief seiner Tochter. „Es steht noch mehr darin,  lies selbe.“ Angelika nahm den Brief entgegen, blickte um sich. Verzweiflung breitete sich in ihr aus – was sollte sie tun? Die Mutter würde nicht einverstanden sein, wenn sie Motorrad fuhr. Das ganze Dorf würde darüber tuscheln: „Das gehört sich nicht, die spinnt genauso wie ihre Oma!“ Sollte sie das Vermächtnis zurückweisen? Sie erhob sich, wollte etwas sagen, blickte zu ihrer Mutter – und da entdeckte sie plötzlich, verschwommen durch ihre Tränen, eine zweite Frau in der Mutter. Hinter den strengen, gehärteten Gesichtszügen sah sie ein Mädchen, das ihrem Mann in das Bergdorf gefolgt war. Sie entdeckte die Angst der jungen Ehefrau: Würde man mich, eine aus dem Tale, hier akzeptieren, respektieren? Was werden die andern nur von mir denken?

Angelikas Blick ging weiter, zu der Nachbarin aus dem Unterdorf. Die hatte vor zehn Jahren ihren Ehemann verloren. Alleine hatte sie die drei Kinder großgezogen, daneben Haus, Garten und Stall besorgt. Nie hatte sie sich das Kleinste gegönnt, Immer war sie dagewesen für ihre Kinder, für den Hof. Angelika spürte die tiefe Sehnsucht in dieser Frau: „Nur einmal wünsche ich mir, dass mich jemand in den Arm nimmt, dass mir irgendeiner ein Geschenk macht“. Und so entdeckte sie in jedem der Trauergäste eine zweite Persönlichkeit, versteckt hinter der ersten.

Sie spürte die Gegenwart ihrer Großmutter ganz nahe. Es wurde ihr warm ums Herz und ihr kam es so vor als läge es nur an ihr, auch die andern Trauergäste an dieser Wärme teilhaben zu lassen. Erneut nahm sie den Brief zur Hand, atmete tief ein und las mit klarer, deutlicher Stimme den letzten Abschnitt vor:

„Du lebst in einer Gemeinschaft, die ist wichtig für Dich, und Du sollst sie nicht verleugnen. Aber mache Dich nicht abhängig von den Urteilen anderer, sonst lebst Du immer in Deiner Angst. Lebe Deine Träume, vergiss nicht Deine Ziele, die Du Dir selber steckst. Das Motorrad ist mein Geschenk, das Dich immer daran erinnern soll.“

Die Augen des Mädchens begannen zu leuchten, sie blickte auf alle Trauergäste, die zu ihr hinschauten und fuhr laut fort: „Großmutter, dankbar nehme ich dein Geschenk an. Schon bald werde ich meine erste Motorradfahrt unternehmen.“



Die Großmutter

von Inge Barkemeyer



Am Tisch in der Wohnküche saß die Großmutter und schrieb. Sie war zu Besuch. Wieder einmal stellte sie einen höheren Scheck für die Familie ihrer Tochter aus. Das Auto würde nicht mehr durch den TÜV kommen, hatte man ihr erzählt. Die erste Rate zum Einbau der zentralen Heizungsanlage war ebenfalls zur Zahlung fällig.

Die Haustüre klappte. Ihr Schwiegersohn Stefan kam grußlos herein, legte schweigend mehrere Pizzakartons vom Discounter neben den Herd. Wie jeden Donnerstag. Und einen kleinen, in Plastik eingeschweißten Rosenstrauß. Wie jeden Donnerstag. Er entschied, wie viel für den wöchentlichen Einkauf auszugeben war.

Mit einem blitzenden, offensichtlich neuen Auspuff für seinen Oldtimer unter dem Arm sah sie ihn in der Garage verschwinden. Immer hatte er etwas zu werkeln. Sein Fuhrpark: zwei Motorräder, ein kleiner Lieferwagen und zwei Autos. Die musste er warten. Ein fleißiger Mann! Alles konnte Stefan in Eigenarbeit machen und reparieren. Davon war er überzeugt. Auch Annelie hielt ihren Mann für großartig, fähig und zuverlässig. Überhaupt! Einfach stark.

Die Großmutter wusste, dass ihre Tochter seit Jahren von der Zuversicht getragen war, gemeinsam mit ihrem Mann das alte Häuschen zu einem Heim für ihre Familie zu machen. Vor kurzem erst hatte sie strahlend erzählt, sie habe von oben bis unten gründlich geputzt und sei glücklich, den ganzen angesammelten Staub und Dreck beseitigt zu wissen. Die Vorstellung, die Kinder könnten abends in frisch überzogene Betten schlüpfen, hatte sie gefreut. Doch später an jenem Nachmittag war Stefan auf die Idee gekommen, den Zementfußboden im Keller mit einem Presslufthammer aufzustemmen. Wie bemehlt lag bald wieder alles im Haus unter dem grauen Staub, der durch die noch offenen Türen und Leitungsschlitze kam. Daran hatte sich seither wenig verändert.

Annelie kam in die Küche, heizte den Backofen an und wechselte mit ihrer Mutter ein paar belanglose Worte. Dann legte sie die heißen Pizzarondelle wieder zurück in die Kartons, um später nicht spülen zu müssen, holte für ihre Mutter Messer und Gabel aus einer Schublade und rief Stefan mit den beiden Kinder zum Essen.

Die alte Frau saß da und ärgerte sich darüber, dass ihre Enkel offensichtlich schlecht ernährt wurden. Sie legte das Scheckheft zur Seite, stand auf und stellte die Schüssel mit ihrem mitgebrachten, frischen Salat in die Mitte des Tisches. Die beiden Kinder und ihr Vater griffen sich Mayo und Ketchup. Die Großmutter schnitt sich ein Stück von ihrer Pizza ab, schob es in den Mund und verzog das Gesicht. Der Käseersatz schmeckte ihr nicht und klebte an den Zähnen. Sie legte ihr Besteck weg und beobachtete, dass keines der Kinder von ihrem Salat nahm. Auch Annelie nicht.

Es zog. Ihre Füße waren kalt geworden. Stefan hatte nach mehreren Jahren Renovierung noch immer keine Türstöcke eingebaut, da vorher noch Fußböden verlegt werden mussten. Ein einziger beheizter, eiserner Ofen reichte nun einmal nicht für das ganze Haus. Die Wärme zog in die oberen Räume ab. In der Küche fror man meistens.

Als hätte sie die Gedanken ihrer Mutter gelesen, wandte sich Annelie an ihren Mann: „Sag mal, Stefan, wann denkst du, wird unser Umbau wohl fertig?“ - „Nie“, antwortete Stefan. „Ein Haus wird nie fertig.“ Annelie senkte den Kopf und sagte nichts. – „Wie sieht denn diesbezüglich deine Planung für die Zukunft aus?“ wagte die Großmutter zu fragen. - „Das habe ich alles in meinem Kopf“, antwortete er und biss in seine erkaltende Pizza. Mehr wurde nicht geredet. Auch die Enkel schwiegen.

Die Großmutter hatte in letzter Zeit den Eindruck, ihre Tochter sei ziemlich niedergeschlagen und versuche, das vor ihrer Mutter zu verbergen. Die Kinder räumten den Tisch ab. Stefan verschwand bald in der Garage. Annelie suchte nach einem Marmeladenglas für die Rosen.

„Mami, weißt du noch wie schön das war, als wir alle einmal an der Nordsee Urlaub gemacht haben? Ich erinnere mich, wie ich als Kind das erste Mal das Meer sah und nicht glauben konnte, wie viel Sand am Strand lag. Zuhause hatten wir ja nur einen kleinen Sandkasten.“

Urlaub mit Familie am Strand - das wäre mal was...“ So könnte sie es sich diesen Sommer vorstellen, meinte Annelie. Natürlich wussten Mutter und Tochter, dass Stefan das Meer und den Sand hasste. Hasste Wind, hasste Wasser. Er wühlte viel lieber in Haus und Keller. Annelie sagte leise: „Wäre das nicht eine gute Gelegenheit für uns alle, dieser ewigen Baustelle für eine Zeit zu entfliehen?“

Die Großmutter sah plötzlich die Chance, den Kindern und ihrer Tochter eine Möglichkeit zur Erholung zu bieten. Zumal sie selbst schon länger davon träumte, den Geruch von Tang, den rieselnden Sand zwischen den Zehen, die Weite des Himmels, Ebbe und Flut jetzt im Alter noch einmal zu erleben - wie damals mit ihrer fünfköpfigen Familie. Und - sie selbst wäre nicht immerzu alleine. „Ja, meine Kleine, das wäre wirklich schön!“ sagte sie und lächelte.

Annelie brachte die Kinder zu Bett. Erneut nahm die Großmutter das Scheckbuch zur Hand. Nicht für den Zuschuss zu einem reparaturanfälligen Auto, nein, für den Nordsee-Urlaub sollte dieser Scheck sein. Für Annelie, die Kinder und sie selber. Während sie den Kugelschreiber ansetzte und die ersten Zahlen schrieb, fiel ihr Blick auf die Liste der vielen an Ihre Tochter bereits ausgestellten Schecks. Schlagartig veränderte sich ihr Blick. Ihre Sichtweise. Ging nach innen. Ging zurück.

Sie sah die Liste der bisher ausgestellten Schecks noch einmal durch. Es war unglaublich! War sie so blind gewesen nicht zu merken, dass alles, was sie aus vermeintlicher Liebe, aus Pflichtgefühl und gutem Willen für ein Gelingen einer jungen Ehe, für die Zukunft der Enkel, für den Bau des Familienhauses tat, nicht einmal ausreichte, um ihrer Tochter die nötige Kraft zu geben, selbstständig auf die Beine zu kommen? Ihre Probleme in eigener Verantwortung zu lösen? Ja, beim plötzlichen Licht der Erkenntnis betrachtet, nahm sie sogar ihrem Schwiegersohn die Chance, alle Folgen seines Tuns selbst zu erkennen. Und die Chance, daraus zu lernen.

Mit ihren großzügigen Gaben würde sie die Probleme der jungen Familie lediglich mehr und mehr in deren Zukunft verschieben, stellte sie erschrocken fest. Was machte sie da schon viel zu lange zu ihrer eigenen Angelegenheit? Der halb ausgestellte Scheck lag noch vor ihr, als sie beschloss, ihn tief unten in ihrer Handtasche zu vergraben.


Ausdauer

von Achim Budde



Was hast du es gut, Rüdiger Krug! sage ich mir. Dieses Warmbecken im Freien liebe ich. 35 Grad warmes Wasser und dazu kühle Novemberluft. Mein Hotel hier in Abano Terme hat aber auch wirklich alles zu bieten. Tagsüber schwimmen und erholen, Abends um die Häuser ziehen. Noch einmal richtig Luxus genießen, das hast du dir verdient.

   Ich mache lange Brustzüge, um mit dem Kopf unterzutauchen. Das warme Nass berührt meinen Körper wie ein Streicheln. Noch mal und noch mal ziehe ich durch, um dieses Gefühl zu erleben. Das ist fast schon unangenehm schön. Am Beckenrand drehe ich sofort und mache den nächsten Zug. Im Strecken ausatmen, dann blubbert es an den Ohren vorbei. So entspannt fühle ich mich, fast wie in einer anderen Welt.

   Jetzt eine Pause machen und durchatmen. In den Lungen spüre ich die klare Luft. Spätes Herbstlaub in den Bäumen kündigt den Winter an. Die Novembersonne lacht mir zu, bis sich die einzige Wolke am Himmel vor sie schiebt. „Egal“, denke ich, im Thermalbad ist es auch ohne Sonne schön, und schaue mich um. Menschen rasch zu beurteilen und einzuordnen ist in meinem Business wichtig – ich habe ein  schickes Schuhgeschäft. Oft kann man an der Frisur und an der Kleidung gleich erkennen, ob jemand sich etwas leisten kann. Bei Menschen in Badeanzügen zeigt sich die hohe Schule der Beobachtung. Auf der anderen Seite des Beckens fällt mir eine Dame um die siebzig auf, mit graublondem Pagenschnitt. Sie riecht nach Geld wie das Wasser nach Chlor. Ihr Mann hält sich im Hintergrund und ruht auf der Liege. Daneben zeigt sie im Stehen ihre noch gute Figur nach allen Seiten. Ich verliere trotzdem das Interesse, mag lieber jüngere Frauen und schwimme noch eine Runde. Hauptsache Bewegung und die alten Glieder verwöhnen.

    Mit meinen 63 Jahren sind die Gelenke schon deutlich spürbar. Aber da muss man durch. Energie ist noch vorhanden, aber alles fällt schwerer. Weiter, immer weiter, Rüdiger, so lange es noch geht. Mit der Wärme steigt eine gewisse Trägheit in mir hoch. Also ziehe ich meine Arme richtig lang. Das Innenbecken muss gleich auch noch erkundet werden. Zwei zerkratzte Plastikfahnen mit einem dreckig-grauen Rand über der Wasserfläche bewachen den Eingang. Mit den Händen versuche ich sie weit auseinander zu biegen. Die Trennlappen schaben an meinen Schultern vorbei.

    In einer dunklen Ecke der Halle vor einer Treppe finde ich mich wieder. Die Luft ist stickig. Aus dem warmen Wasser zu steigen lässt mich frösteln. Ich gebe mir einen Ruck und klettere die Treppe hoch in die Halle. Es muss leider sein, es gibt keinen direkten Übergang ins Innenschwimmbad. Glatt ist es auch, fast rutsche ich kurz vor der Leiter aus. Ich steige in das Becken und sacke ganz tief ins Wasser, kein Boden mehr unter den Füssen. Das überrascht, denn draußen war es flach. Aufgetaucht schnappe ich erst einmal nach Luft und beginne durchs Becken zu kraulen. Gut und gerne 25 Meter sind es bis zum anderen Ende. "Wollen die hier für Olympia trainieren?" Das ist nun wirklich nichts für mich. Mit einem Grinsen lehne ich mich an die Beckenmauer. Hier ist es wieder flacher.

   Im dunkelschimmernden Nass entdecke ich Stangen, ein Laufband und ein Fahrrad für die Wassertherapie. Hier in die Pedale treten - das bringt mich bestimmt voran. Ich stoße mich von den graublauen Fliesen ab, um schon einen Moment später im Sattel zu sitzen. Das Wasser steht mir bis zum Hals. Ich sag’s nicht gern, bin nur 1,64 Meter. Aber für das Fahrrad reicht es doch, zumindest gerade so.

   Die ersten Umdrehungen gehen leicht und ich spüre Verwirbelungen an den Unterschenkeln. Um mich herum plätschern die Wellen, während ich schneller trete. Jetzt einfach durchhalten. Durchhalten ist mein Motto! Und so nehme ich mir vor, ein paar Minuten zu strampeln. Das tut gut. Da spürt man nachher die Muskeln und weiß, was man geschafft hat. Da -in den Oberschenkeln schon ein leichtes Brennen. Ja, durchhalten. Ich schaue zur Hallendecke hoch, um noch schneller zu treten.

    Die Wand gegenüber ist mit Steingirlanden und Säulen verziert. Darunter sehe ich einen grauen Beckenrand und einen schwarz-braunen Streifen an der Überlaufrinne. Alles wirkt hier drin ein bisschen vernachlässigt. Woher kenne ich das?

     Mein Geschäft? Schick - das war gestern. Mir wird ganz anders. Auf dem Wasser spiegelt sich Licht, wie Neonringe in rasender Folge aufblinkend. Die Geräusche der Schwimmer treten in den Hintergrund. Bilder, die Bilder, vor denen ich nach Italien geflohen bin tauchen auf! Den Kopf schütteln hilft nicht. Unerbittlich drängen sie ins Bewusstsein. Wie ich das hasse!

    Alles begann mit dem Brief vom Finanzamt. Vor einer Woche, ich sitze an meinem Schreibtisch und starre auf die Post. Der Bescheid liegt oben auf. Nachzahlung wegen Steuerbetrugs: 243.721,45 €, sofort zahlbar. Es gab Zeiten, da hätte mich diese Summe nicht erschreckt. Gelacht hätte ich nicht, aber ich hätte sie bezahlen können. Doch in diesem Augenblick ist es einfach stumpfe Gewissheit: Ich bin mausetot.

    Meine Oberschenkel verkrampfen sich. Ich keuche, will aufhören, kann nicht mehr.  Nein, nein, so einfach macht sich das ein Rüdiger Krug nicht! Aber weiter bringt es mich auch nicht. Das Therapierad ist am Boden festgeschraubt.

    Alles richtig machen, das wollte ich und habe einfach immer weiter gearbeitet. Wofür? Jetzt bin ich aus dem Tritt. Vom Schreibtisch ins Auto gestiegen und hier nach Abano gefahren. Ja, ich weiß. Flucht ist auch keine Lösung. Erste Tränen laufen über meine Backen. Ich weine mitten im Schwimmbad. Weine, wie ich noch nie geweint habe. Macht nichts, sieht doch keiner, Rüdiger Krug. Du bist ja sowieso ganz nass.


Der schöne Tod

Von Varda Hasselmann


Sie wollte sterben. Tag für Tag überlegte sie, wie sie das anfangen sollte, grübelte und grübelte. Sie lebte allein und ging kaum noch aus dem Haus. Noch war sie kein Pflegefall, konnte sich selber waschen und kämmen, auch staubwischen und die wenigen Tassen spülen. Ihre Tochter reiste zwei Mal im Jahr aus Berlin an und machte gründlich sauber. Sonst sah sie nur Leute, die einmal wöchentlich tiefgefrorenes Essen brachten.

Elisabeth war zutiefst deprimiert, aber keineswegs depressiv. Sie las die Frankfurter Allgemeine, liebte klassische Musik, schaute sich anspruchsvolle Sendungen an und las Bücher über Archäologie. Ihr Leben lang hatte sie auf Figur und Kleidung geachtet. Das tat sie auch jetzt noch, legte manchmal nach dem Zähneputzen Lippenstift auf, wischte ihn jedoch bald peinlich berührt wieder ab, denn sie fand, wenn sie sich im Spiegel erblickte, dass sie wie eine amerikanisch geschminkte Leiche aussah, blass und verspannt. Ihr Selbstbild war durch die unablässigen Schmerzen beschädigt, als sei sie eine andere geworden. Und sie fühlte sich miserabel. Beide Knie waren bereits mit Prothesen versorgt. Die Hüftgelenke taten bei jedem Schritt weh, weitere Operationen standen an. Opiat-Tropfen halfen kaum noch. Grimmig erhöhte sie von Woche zu Woche die Dosierung und dachte dabei: Was soll’s! Alle Finger waren so knotig und steif, dass ihr immerzu Geschirr aus der Hand glitt, besonders am Morgen. Dann stand sie in inmitten der Scherben, konnte sie nur notdürftig zusammen fegen, nicht aber aufnehmen, das Bücken war zu beschwerlich. In einer Ecke der Küche häufte sich zerbrochenes Meissner Porzellan. Ihre Apotheke lieferte Windelhöschen in diskreter Verpackung, sie aber schämte sich bei dem Gedanken, jemand könnte ihren übel nach Medikamenten-Urin riechenden Abfall in der Tonne identifizieren. Elisabeth traute sich nicht mehr auf die Straße und versuchte die Einsamkeit tapfer zu ertragen. Doch ihren Zustand empfand sie als eine einzige Demütigung. Nichts als Schmerzen, keine Nähe, keine Liebe. Nur Fernsehen.

Während der zwei Reha-Aufenthalte hatte sie andere alte Leute beobachtet, die mit verzerrter Miene, zornig, verzweifelt und ergeben auf den Transport ins Pflegeheim warteten. So wollte sie auf keinen Fall enden, auf keinen Fall. In Talkshows war oft die Rede von einem Sterben in Würde, von Hospizen und Palliativstationen. Angeblich musste dort keiner leiden. Eine gütige Schwester hielt einem die Hand, wenn es mit einem Lächeln im Gesicht zu Ende ging. Elisabeth zweifelte daran, dass das die Würde war, die sie sich wünschte. Sie wäre lieber ruck-zuck aus dem Leben geschieden, selbstbestimmt, wie man es nannte, mit einem Todescocktail, als Mitglied eines Sterbevereins. 

Ihr Hausarzt, gleichgültig und abgehetzt, kam zu Anfang eines jeden Quartals vorbei, um den Blutdruck zu messen. Er fragte nicht viel, ließ sie nicht ausreden, schrieb die üblichen Rezepte für Schmerzmittel. Seinen Mantel legte er nicht ab. Der würde ihren Wunsch nach Erlösung ganz sicher nicht erfüllen. Eines Tages blieben seine Visiten aus, sie wartete vergeblich. Weil sie Medikamente brauchte, rief sie in der Praxis an. Ein junger Internist hatte den Betrieb übernommen. Sie bat um einen Besuch. Der Neue machte es sich im Sessel bequem, holte sich später selber ein Glas Wasser aus der Küche, damit sie nicht aufstehen musste, und sie gewann schnell den Eindruck, dieser Dr. Friedrichs interessiere sich aufrichtig für ihren Zustand, für ihr Leben, für sie.

Nach einer gründliche Befragung schlug er eine Kur vor - in einem Sanatorium, einem Heilbad zur Linderung der Arthrose, und in einem renommierten Haus, damit sie in einer anderen Umgebung einmal gut versorgt und umsorgt würde. - Warum nicht, Frau Notold, wo Sie doch privat versichert sind? Elisabeth äußerte Bedenken. So lange weg von zu Hause, umgeben von lauter Kranken und Krüppeln? Doch er sprach ihr Mut zu: Luftveränderung tut immer gut, hat meine liebe Großmama mir beigebracht, und die ist schon über neunzig. Lassen Sie mich nur machen! Bei Ihnen ist noch Luft nach oben, das spüre ich! Jammerschade, wenn Sie hier verdorren würden. Sie waren doch mal eine lebenslustige Person, nicht wahr? Das kriegen wir schon wieder hin!

Ach Gott, ja, dachte sie, als er fort war, der gute Mann hat noch Ideale, macht sich Illusionen. Neue Besen und so... Die Kasse wird den Kurantrag sowieso ablehnen, für mich lohnt sich die Ausgabe doch gar nicht mehr. Als sie später die Gläser abspülte, stellte sie fest, dass sie sich leichter bewegte und ihre Stimmung sich verändert hatte. Was so ein bisschen Anteilnahme doch ausmachte!

In einer Privatklinik am sommerlichen See stellte man Elisabeth mit neuen Medikamenten und Gehtraining, Gymnastik und Massagen, Schwefelbädern und therapeutischen Gesprächen soweit wieder her, das sie bald den Rollator im Zimmer zurückließ, wenn sie zum Speisesaal ging. An ihrem Tisch warteten schon fünf reizende Damen, denen es ebenfalls von Tag zu Tag besser ging. Die Mahlzeiten waren ein Fest für den Gaumen. Ihre Tischgemeinschaft heiterte sie auf. Einmal lachte sie so herzhaft, dass sie sich am Rotwein verschluckte. An warmen Abenden saß sie oft noch lange mit den anderen Frauen zusammen. Man duzte sich wie selbstverständlich. Es war eben ein richtiges Sanatorium, eine Einrichtung, in der man gesund werden konnte.

Eine gewisse Barbara war ihr besonders sympathisch, von Anfang an. Immer wieder schaute sie zu ihr hinüber, begegnete ihrem Blick, erfreute sich an ihrem Lächeln, den launigen Reden, und setzte sich gern zu ihr. Diese Frau war eine herzhafte Person und zugleich feinfühlig, intelligent, eine wunderbare Gesprächspartnerin. Aber da war noch mehr, ein Fluidum der Anziehung. Wenn Elisabeth spät nach dem Abendbrot auf ihr Zimmer ging, empfand sie eine ungewohnte Sehnsucht und eine seltsame Trennungsangst, so als könnte Barbara über Nacht verschwinden wie ein Traum nach dem Erwachen. Einmal legte sie ihr tröstend den Arm um die Schultern, als sie vom frühen Tod ihres Enkelkinds erzählte und zog sie an sich, während sie gemeinsam mit ihr schluchzte. Auch Elisabeth vertraute ihrer Tischgenossin mancherlei an, sprach von ihrem heimlichen Sterbewunsch. Die Frauen gingen gemeinsam zur Wassergymnastik, spazierten langsam hinunter zum See, ruhten auf der Bank und freuten sich an den Segelboten, die auf dem tiefblauen Sommerwasser dahinglitten. Am Nachmittag weilten sie manchmal in vertrauter Zweisamkeit mit einer Kanne Tee auf Barbaras Balkon. Dann redeten sie von Dingen und Möglichkeiten, an die Elisabeth niemals gedacht hatte. Zum Beispiel überwinterte ihre neue Freundin schon lange auf Teneriffa, jedes Jahr. Wozu soll ich im Ruhrgebiet Dunkelheit, Nebel, Eis und Schnee, Einsamkeit und Alterselend ertragen, rief sie trotzig und amüsiert, wo ich es doch viel besser haben kann? Man musste ihr beipflichten. Sie versorgte Elisabeth auch mit Adresse und Telefonnummer eines Vereins für den würdigen Freitod. Mit ihrem Wunsch aus dem Leben zu scheiden, ohne schwer zu leiden, war sie nicht allein. Barbara ging es ganz ähnlich.

Auf den Samstag vor Ende der drei Kurwochen fiel Elisabeths fünfundsiebzigster Geburtstag. Die Sonne strahlte vom wolkenlosen Augusthimmel. Schon auf dem Frühstückstisch stand ein Kuchen mit sieben Kerzen. Ein Kränzchen aus frischen Blumen schmückte ihren Platz und auf ihrem Teller lag nicht nur ein kleines Geschenk der Klinikleitung, er war auch gesäumt von den netten Karten und Pralinen ihrer Tischdamen. Während sie erstaunt die vielen Zeichen der Zuneigung betrachtete, standen alle auf, umringten sie, küssten sie rechts und links und rechts und links und sangen „Zum Geburtstag viel Glück!“. Was für ein schönes Fest! Davon würde sie Dr. Friedrichs bald erzählen.

Dass ihre Tochter keine Zeit für einen Anruf gefunden hatte, bemerkte sie erst viel später. Denn Barbara folgte ihr nach dem Abendessen aufs Zimmer. Dort saßen sie entspannt plaudernd noch ein Stündchen zusammen. Die zwei alten Frauen umfing ein Empfinden von Nähe und Wärme, eine innige Intimität der Seelen, die niemals zuvor erlebt hatten.

Beim Abschied umarmten sie sich und Barbara flüsterte: Meine Elisabeth, du Liebe, du gute alte neue Freundin, wir können uns jetzt, da die Kur hier zu Ende geht, doch nicht einfach trennen! Es ist ein seltenes, ein kostbares Glück, dass wir zwei uns gefunden haben! Wollen wir unsere letzten Jahre nicht zusammen verbringen, irgendwo? Und irgendwann Hand in Hand sterben? Sie drückte ihr einen unendlich zarten Gutenacht-Kuss auf die Lippen. Elisabeth musste nicht überlegen. Sie sagte ja, ganz ohne Worte.



 

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